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"New Moon" von Elliott Smith
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"New Moon" von Elliott Smith

erdammt, ich hab schon feuchte Finger bevor ich überhaupt nur ein Wort geschrieben hab – und das liegt ausnahmsweise mal nicht an der scheiß Hitze da draußen. Mit „New Moon“ erscheint ein Doppelalbum unveröffentlichten Materials des großartigen Songwriters Elliott Smith, der im Oktober 2003 vermutlich durch Selbstmord ums Leben kam.

Ich bin vielleicht auch wirklich nicht der Richtige für diese Rezension. Jedes seiner Alben hab ich wieder und wieder in unendlichen Wiederholungen gehört. Von „Roman Candle“ aus dem Jahr 1994, das so direkt und natürlich ist, über „Either/Or“, das in der Mitte seines Schaffens 1997 den Übergang von der beinah ausschließlich emotional geführten Anfangszeit in die musikalisch anspruchsvollere Schlussphase bildet, und schließlich Smith’s letzte Veröffentlichung „From A Basement On The Hill“, die er selbst schon noch nicht mehr miterlebt hat.

Das was so viele an der Musik von Elliott Smith lieben ist, dass er allein mit Gesang und Gitarre eine riesige Präsenz hat. Sein Gitarrenspiel ist variantenreich, für Popmusik sogar ausgesprochen komplex, nicht selten auch dissonant. Seine Stimme bewegt sich meist in hohen Tonlagen und erzählt kleine vielschichtige Geschichten, die mit unterschiedlichem Grad an Abstraktheit zumeist von unglücklicher Liebe oder Verlust handeln. Elliott Smith ist der mit Abstand traurigste Songwriter, den ich kenne.

Das vorliegende Doppelalbum „New Moon“ präsentiert nun 24 Tracks, die alle zwischen 1995 und 1997 aufgenommen worden sind, also in einer seiner interessantesten Schaffensphasen. Larry Crane, der der Archivar Smith’s musikalischen Erbes ist, hat Ende 2006 weiten Teilen der Stücke noch einen letzten Schliff beim finalen Mix gegeben. Die Befürchtung, dass hier Smith’s Nachlass ausgeschlachtet werden soll, wird aber sehr schnell zerstreut. Crane’s Prämisse ist hörbar, im Zweifelsfall lieber Zurückhaltung zu üben, als Gefahr zu laufen in die Songs etwas hineinzubringen, was Elliott Smith vielleicht so nicht gewollt hätte. Somit klingen einige Songs schon auch noch etwas rau und nach Outtakes, aber das stört überhaupt nicht. Die dadurch gewonnene Authentizität lässt die Musik nur in einer noch größeren Intensität erstrahlen. Und es spricht ja auch absolut für Elliott Smith, dass er auch in seinen Outtakes großartig ist.

Ein Großteil der Songs wird auf „New Moon“ erstmals veröffentlicht. Es ist sehr schön, dass das Booklet großzügig Auskunft darüber gibt, welche Aufnahme wie entstand, und so ist gut nachvollziehbar, was man da eigentlich hört. Die Auswahl der Songs ist vielleicht nicht optimal kompiliert, aber da „New Moon“ ja auch kein richtiges Album ist, kann man diesen Anspruch auch nicht in vollem Maße haben. Aber ich bin wirklich dankbar, dass es dieses Album gibt, denn es macht viele viele Songs nun doch noch der Öffentlichkeit zugänglich.
Um nur mal exemplarisch zwei Songs hervorzuheben, will ich zunächst „High Times“ als ganz großartigen Track nennen. Obwohl zunächst gar nicht viel passiert, ist schon ab dem ersten Takt eine immense Spannung in der Musik, also wirklich im Sinne von Anspannung. Und wenn dann im Refrain das Krachen eines einzelnen Beckens anschwillt, ist es gar nicht mehr vorstellbar, dass diese Intensität nur von Gitarren, Gesang und einem Becken erzeugt worden sein soll.
„Going Nowhere“ ist ebenso ganz wundervoll. Sehr ruhig strickt die Gitarre ihre Muster, während hier aber vor allen Dingen auch der Text gefangen nimmt. Obwohl er recht abstrakt gehalten ist, findet man leicht den Zugang. Die einfache Sprache und Bildhaftigkeit erinnert mich fast ein bisschen an Rilke, also einen Rilke in den 1990ern. Wie gefühlvoll Elliott Smith wiederum die Worte zu Melodien formt… Ach, es ist einfach nicht richtig, dass er schon tot ist.
Menschen, die Elliott Smith’s Musik noch nicht kennen sei gesagt, dass „New Moon“ eben kein Best-Of ist und somit eher nicht als Einstieg dient. Es loht sich da eher chronologisch vorzugehen und bei den ersten Platten anzufangen.
Für Freunde der Musik von Elliott Smith ist „New Moon“ aber ein absolutes Must-have, denn es gibt neue Songs zu entdecken und das Album bietet auch eine neue Perspektive auf diesen großen Musiker. Man muss auch keine Angst haben, dass man bloß der Plattenfirma ganz viel Geld in den Rachen wirft (was bei Domino aber nicht mal so schlimm wäre), denn ein Teil des Erlöses fließt direkt an eine Organisation in Portland, der Heimatstadt von Elliott Smith, die sich für obdachlose Jugendliche und verarmte Erwachsene einsetzt.

S. Krutzinna
titel
CD 1: 01 Angel In The Snow | 02 Talking To Mary | 03 High Times | 04 New Monkey | 05 Looking Over My Shoulder | 06 Going Nowhere | 07 Riot Coming | 08 All Cleaned Out | 09 First Timer | 10 Go By | 11 Miss Misery (Early Version) | 12 Thirteen
CD 2: 01 Georgia Georgia | 02 Whatever (Folk Song In C) | 03 Big Decision | 04 Placeholder | 05 New Disaster | 06 Seen How Things Are Hard | 07 Fear City | 08 Either/Or | 09 Pretty Mary K (Other Version) | 10 Almost Over | 11 See You Later | 12 Half Right
Release: 04.05.07 bei Domino
|http://www.dominorecordco.com|
Künstler-Homepage: http://sweetadeline.net
cover
Bewertung:
5/5