ls die Lottergirls-Platte auf meinem Schreibtisch landet, weiß ich erstmal gar nicht um was es geht. Eine kleine Recherche fördert dann aber doch Wohlbekanntes ans Tages-, naja gut, ans Schreibtischlampenlicht.
Tasten wir uns mal chronologisch an die Sache ran. Fetisch Bergmann wird in Berlin geboren und stellt schnell fest: Berlin ist cool, aber New York ist besser und siedelt um, um näher an den aktuellen musikalischen Entwicklungen der Zeit zu sein – das war Mitte der Achtziger (da konnte ich wohl noch nicht mal laufen). Während Fetisch ein sehr umtriebiges Dasein führt und die verschiedensten Clubs mit seinen DJ-Sets erbeben lässt, lernt er auch alsbald die Stereo MCs kennen, für die er auch mal gleich zwei Songs produziert. Um 1989, back in Berlin, beginnt sich dann sein erfolgreichstes Projekt Terranova herauszubilden, das unter variierenden Bezeichnungen und kleineren Besetzungswechseln und Gastspielen bis ins neue Jahrtausend weiterexistieren wird. Nebenbei werden dann mal Compilations für die DJ Kicks-Reihe gemacht und mir Größen wie Tricky oder Alex Hacke von den Einstürzenden Neubauten kooperiert.
Der neuste Coup von Fetisch Bergmann heißt nun Lottergirls (und wer zufällig die Lotterboys kennt ist auf der richtigen Spur!). Wieder begibt man sich auf die Suche nach einer schicken Stimme für die Platte und wird mit Concetta Kirshner aka Princess Superstar so dermaßen fündig wie man eben nur fündig werden kann. Diese, in den USA auch durch Kooperation mit Kool Keith bekannt gewordene, Sängerin, die mitunter als weibliche Antwort auf die Beasty Boys verstanden wird, passt einfach perfekt in den dreckigen Sound, den Fetisch für diese Platte „Right On“ zusammengeklöppelt hat.
Mit dem Opener „Never Say Never“ beginnt bereits die Vertonung des urbanen Schmutzes, des Staubs in den Straßen und vergammelnden Tabakresten in Dielenspalten. Nach einem Bläserintro folgen Hi-Hat-Geklapper und ein knurriger Bass und Princess Superstar vervollkommnet mit ihrer verruchten Stimme den Low-Fi-Sound.
Schon im nächsten Track "The Day The World Turned Dayglo" wird gleich eine riesige Schippe Schwung dazugegeben. Bass und Schlagzeug sind wiederum die Grundlage, allerdings nun etwas flotter. In den elektronischen Zutaten lässt sich leicht die äußerst geübte Terranova-Handschrift erkennen, und der nun gedoppelte und verzerrte Gesang erinnert sogar schon manchmal an Atari Teenage Riot. Die Bläsersätze sind abermals sehr bewusst und damit effektvoll eingesetzt.
Nach einem Interlude geht es mit „Stay Out“ weiter, wenngleich nun noch tiefer in die Rock’n’Roll-Schublade gegriffen wird. Falls es mal eine Grease-Adaption geben sollte, die im Berlin des neuen Jahrtausends angesiedelt ist, dann müsste dieser Track auf jeden Fall dabei sind. So schafft die Musik den Spagat – gerade auch dank der wunderbaren Princess Superstar – zwischen schmutziger Obszönität (ja, ich denk gerade an Peaches) und sexy Glamour. Dabei ist dann aber der Sound wie gesagt wirklich extrem frisch und dadurch, dass eher gerappt als gesungen wird nochmal eine Ecke zeitgenössischer.
Bei „Renegade“ bin ich ja schon fast beschämt. Die Mischung aus laszivem Quietschen und whiskeyrauen Befehlstönen im Gesang von Princess Superstar und recht funkiger Instrumentierung (Slap-Bass!), sind schon, ich sag mal: sehr heiß.
Ohne dass man einen roten Faden aus den Augen verlöre, schließen sich dann zum Beispiel mit „I Can Hear Music“ oder „Bonfini“ auch noch technoide Ausschweifungen an. Gleiches gilt auch für das Trip-Hop-Stück „Dreamhome“, das obendrein noch daran erinnert, dass man mal wieder die alten Terranova-Platten ausgraben sollte.
Insgesamt bleibt die fröhliche Erkenntnis, dass wir hier in Deutschland, nicht nur gut Musik haben (was natürlich auf die Lottergirls auch vollkommen zutrifft), sondern dass es hier auch Menschen gibt, die wirklich coole Musik machen. Die Platte „Ride On“ ist einfach ganz vorne mit dabei und wird auch nicht davor halt machen, die Clubs der großen Metropolen mitzureißen. Ich bin auf jeden Fall überaus angetan.










