errückte Kiste! Das Dance-Label „Get Physical Music“ feiert seinen fünften Geburtstag mit einer Doppel-CD und mir kommt es vor, als gäbe es diese Berliner Institution schon immer – und Tausende Clubber und Sofa-Chiller weltweit werden das nicht anders sehen.
Es war im Frühjahr 2002 als DJ T. (Thomas Koch), M.A.N.D.Y. (Philipp Jung und Patrick Bodmer), Booka Shade (Walter Merziger und Arno Kammermeier) und Peter Hayo zum (angeblich und auch nicht von mir) viel zitiertem Gründungsessen beisammen saßen und halt beschlossen zu gründen. Junge Menschen mit Visionen, wahrscheinlich würde Angela Merkel ihre linke Hand geben um dort dabei gewesen zu sein – aber dann wäre wahrscheinlich auch alles anders gekommen. Naja, aber die Startup-mäßig angeblich so verbrannte Erde in Deutschland erwies sich wieder einmal als ein hervorragender Nährboden für ein Dance-Label und die 12 Zoll messenden Vinylscheiben eroberten die ganze Welt. Mit festem Blick auf die Clubs dieser Welt ließ man auch nicht vom EP-Format ab, bis die Herren 2004 zum zweiten Geburtstag über Ihren Schatten sprangen und eine CD herausgaben – aber immer noch kein Albumformat. Dieses folgte dann aber schließlich doch noch Ende 2004 von Booka Shade mit dem Release „Memento“, das aber auch wirklich in keinem Plattenschrank fehlen sollte.
Na, wieso erzähle ich den ganzen Kram? Nun, dieses erste Album bei Get Physical hat einfach gewisse Weichen gestellt, die auch ein Stück weit Get Physical zu dem gemacht hat, was es eben heute ist: Ein Label, das einen absoluten Club-Hintergrund hat aber den Brückenschlag zum Kuschelsofa geschafft hat. Das heißt dann natürlich, dass sich musikalische Bodenständigkeit und Programmatik, die im Club irgendwie schon ein Stück weit nötig sein, paaren mit den Anforderungen eines Albumkonzepts und denen des Hörers zuhause auf dem Sofa, der die Tracks aufmerksamer und vielmals hört. Und genau das können die Get Physical Artists einfach großartig und davon kann sich nun jedermann überzeugen, denn das Jubiläumswerk bietet zwei wunder- und randvolle Platten.
Die erste CD enthält mehr oder minder bekannter Tracks der letzten Jahre, die von guten Leuten geremixt wurden, die ohne Get Physical-Stallgeruch kommen und den Tracks andere Färbungen geben sollen.
Dies gelingt schon im Auftakt dem umtriebigen Herbert, der sonst zumeist für Studio !K7 tätig ist, mit einem Remix zu „I Don’t Know“ von Chelonis R. Jones. Der Track kam bereits 2004 mit drei Remixes im Gepäck in die Plattenläden und hört man sich jene alten Bearbeitungen mal im Vergleich an, so checkt man auch schnell, wieso Get Physical externe Musiker für den Job hier wollte. Herberts Interpretation ist wesentlich gewagter als die im Vergleich schüchtern wirkenden Remixe von damals. Der schon im Original recht Pop-affine Track wird vollends in Disco-Sound transponiert und als Labelunkundiger muss man schon fast fürchten mehrere Stunden mit so funkig-holprigen Sound zubringen zu müssen. Low-Fi-Bass ist dann zwar noch neckisch eingesetzt, aber ich freu mich dann schon darüber, dass M.A.N.D.Y. daraufhin das Ruder übernimmt.
Deren Track „No Stoppin“, der erstmals 2003 erschien, wird von Hot Chip geremixt und vermittelt gleich einen anheimelnderes Gefühl. Endlich angekommen bei Get Physical!
Booka Shade, Lieblingskünstler des Labels meinerseits, ist auf dieser ersten CD gleich dreieinhalbfach vertreten. „Night Falls“, Opener des 2006er Albums „Movements“ wurde von Larry Gold bis zur Unkenntlichkeit verändert. Dieses Ex-Mitglied des Salsoul Orchestra, Cellist und Besitzer des geilsten Studios in Phillie hat den Track als reinen Streicher-Satz umgeschrieben – absolut hörenswert!
Henrik Schwarz wiederum legt Booka Shades „Vertigo“ ein schwarzes Deep-House-Korsett an, während Funkstörer Fakesch mit meinem Favourite „Mandarine Girl“ eher behutsam umgeht, womit der Bursche auch gut fährt.
Und natürlich darf der Knallertrack „Body Language“ auch nicht fehlen. Dessen hüpfende Melodien spielen hierbei natürlich dem Extremisten Señor Coconut in die Hände, der einen Track sozusagen straight for brazilectro macht, dass man auf der Stelle den fast unnachgiebigen Wunsch verspürt Unmengen Bacardi zu trinken und verlegen nach braungebrannten Bikini-Schönheiten in entlegenen Winkeln des Zimmers Ausschau hält.
Die zweite Platte wartet mir exklusiven Tracks auf. Jona fängt mit „Fisherman“ an und zaubert ein smoothes, aber auch flottes Minimal-Stück, das in seiner Feinheit (besonders die flott-sanfte Snare!) irgendwie europäisch-erhaben anmutet.
Das nächste Highlight kommt dann (mal wieder) von Booka Shade mit dem Track „Unhealthy Pleasures“. Der etwas domestiziert-minimalistische Anfang schraubt sich im Verlauf des Liedes in erfreulich technoide Höhen und wartet während seiner sieben Minuten Spielzeit stets mit galanten Überraschungen auf.
„Oh Superman“ zusammen mit M.A.N.D.Y. wirkt – besonders nach der etwas verrückten ersten CD – etwas blass. Ich will hier auch niemandem zu Nahe treten, aber n bisschen hatte ich hier das Gefühl, als hätten die vier Männer nach sehr vielen Flaschen Wein und voller Euphorie über alles bisher Vollbrachte noch mal fix im Morgengrauen nen Track zusammengeschustert und es im Nachhinein noch Laurie Anderson gegeben um das noch gut zu machen…
Während ich anfange ein Exclusive von Fuckpony zu vermissen, macht Einzelkind mit „As Long As You Want Me To“ nen schönen Clubtrack. Bodenständig, aber schon auch mit Feuer. Der Folgetrack von Electrochemie besitzt völlig diese, für Get Physical typisch gewordene, Universalität sowohl zuhause oder sogar in einer Lounge als auch im Club eine tolle Figur zu machen. Groove und Leichtigkeit machen die Beatverstrickungen und Modulationen auf eine angenehme Weise prima konsumierbar. Williams wird da schon ein bisschen bounciger – aber was will man bei dem Titel „Illegal Ninja Moves“ auch erwarten!?
Ja, was soll man da zum Abschluss sagen? Im Grunde sind ja fünf Jahre keine Zeit. Umso erstaunlicher was die sechs Herren mit ihren viel versprechenden Gefolge in der Zeit alles gerissen haben. Danke dafür! Alles Gute! Bitte so weitermachen! Und feiert (euch) noch ausgiebig! Und: Wer auch nur ein bisschen elektronische Musik mag ist – ich sag’s nicht gern – schon ein bisschen bekloppt, wenn er sich diese Platte hier entgehen lässt.










