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"Kapitulation" von Tocotronic
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"Kapitulation" von Tocotronic

enke ich an den Titel der neuen Tocotronic-Platte “Kapitulation”, assoziiere ich dazu immer wieder Walter Moers und Adolf Hitler (http://www.youtube.com/watch?v=uXCUpHtW4Kc). Das entspricht natürlich nicht dem Konzept hinter dem Album und daher wollen wir im Folgenden doch mal schauen, ob die Verknüpfung denn überhaupt legitim und sinnvoll ist. Soviel schon mal vorweg: “Kapitulation” ist so schön und wunderbar wie man sich das von einem Tocotronic-Album erhofft. Und es lässt sich soooo viel drüber denken/reden/schreiben.

Wenn Toco-Sänger Dirk von Lowtzow dichtet, dann macht er das nicht wie man sich das als Hobbymusiker so vorstellt. Will sagen er sitzt nicht über einem Blatt Papier und presst sein Herz in Worte, sondern läuft in der Welt herum wie in einem Selbstbedienungsladen, greift Ideen anderer auf und bastelt sich daraus eine Collage: ”Ich bin ein extremer Fan. Und wenn ich mich selbst analysiere, dann setze ich mich zusammen aus vielen Stimmen oder Sprachen oder Dialekten eben jener, die mir etwas bedeuten”. Das macht ihn zu einem Autor mit begrenzter Eigenidentität, eigentlich müsste er von sich selbst immer im pluralis majestatis sprechen - nur eben nicht als Ausdruck der Macht, sondern der eigenen Vielköpfigkeit. (Das kann man übrigens nachlesen bei den Kollegen der Spex, die im ersten Teil (http://www.spex.de/229/artikel.html) ihrer Artikelreihe “Auf der Suche nach einer eigenen Kunstsprache” Herrn von Lowtzow dazu befragt haben).
So ist es auch kein Wunder, dass die Rezeption der Medien allerlei Verweise auf andere Texte entdeckt, feststellt und oft leider unnützerweise veröffentlicht. Denn ich muss gestehen, dass ich mit einem Satz wie diesem ”Der Faulpelz Oblomov hat seine Spuren hinterlassen, die Desinvolture des Dandys. Bartleby, Herman Melvilles subversiver Schreiber, geistert mit seinem “Ich möchte lieber nicht” durch die Zeilen. Nicht zu vergessen die biblischen Klassiker der Gesellschaftstheorie, von Marx über Foucault bis hin zum Anti-Ödipus.” aus der Zeit nicht viel anfangen kann - und noch viel weniger mit der Musik, die ja offensichtlich auf etwas zurück greift, das ich nicht kenne?
Nein, das stimmt natürlich nicht. Ich vermute mal, dass viele Toco-Fans vor dem Zeit-Zitat genauso kuhäugig-fragend stehen bleiben wie ich. Denn man muss Kunst nicht immer entschlüsseln können, um Genuss an ihr zu haben - was für mich die Filme von David Lynch, deren komplexe Erzählmodelle man erst nach intensiver Beschäftigung mit dem Material begreifen kann, immer wieder beweisen. Denn trotzdem spielt der Film virtuos auf den Spannungs-, Mitgefühl- und Schock-Klaviaturen im Inneren des Zuschauers und besitzt auch als unverstandenes Kunstwerk eine komplette Ästhetik. So ähnlich ist es dann vielleicht auch mit einem Tocotronic-Album, da die Band auch ein konventionelles Genre, nämlich den Song, bis zum äußersten erforscht - u.a., indem sie eben auf eine ständig wechselnde, künstliche Autorenidentität zurückgreift. Nichts desto trotz muss man dieses Zitat-Patchwork nicht entschlüsseln können, um Gefallen daran zu finden: Genau wie Lynch dann doch fundamentale Gesetze einer (unbewussten) Filmgrammatik beachtet, folgen auch Tocotronic den Regeln der Musik, über die wir Journalisten uns immer wieder die Finger wund schreiben, um sie sichtbar zu machen.

Natürlich greift jeder Hörer dann sowieso auf eine eigene, mit dem ursprünglichen Konzept vielleicht sogar hochgradig inkompatible Interpretation zurück, die aber durchaus schlüssig sein kann. Und wenn ich bei Kapitulation an Walter Moers denke, dann spielt das an dieser Stelle eben eine Rolle und ist auch legitim. Die Spuren der Collage lassen sich ja nicht einmal von Dirk von Lowtzow selbst zu 100% nachweisen. Das Wichtige ist eben, dass sich der Hörer nicht auf dem ästhetischen Genuss ausruht, sondern anfängt zu rätseln, zu dekodieren und die Detektivarbeit aufnimmt.
Die Musik befolgt einige unbewusste Regeln und das sogar in reduzierter Form, die zeigt, dass hier der Inhalt dominiert: ”In unserer Wahrnehmung sind wir eine konzeptuelle Band – und die Texte sind ein Bestandteil. Wir haben anfangs lange Zeit darauf verwendet, eine Bandidentität zu entwerfen. Die Musik, tja, die haben wir damals an ein paar Nachmittagen eingespielt”. An ein paar Nachtmittagen ist “Kapitulation” auch trotz eines ausgereiften Konzeptes sicher nicht entstanden, dafür klingt es einfach viel zu gut und auch viel elaborierter als die früheren Tocotronic-Alben. Aber: Man beschränkt sich schon auf Schlagzeug, Gitarren, Bass und Gesang. Keine Mätzchen.
Da tritt der Inhalt von ganz alleine in den Vordergrund, die Form ist aber trotzdem schön: Da röhrt der Neue, Rick McPhail an der Lead-Gitarre, oft nur einzelne Töne dazu, die aber eine tolle Ergänzung bewirken. Dirk singt elegant wie immer, nur an ein paar Stellen ist da mal ein Schlenker zu viel.
Das große Thema von “Kapitulation” steht schon im Titel. Da knüpft der Slogan “Sag alles ab” von allein an, ebenso der Opener “Mein Ruin” und das komische “Verschwör dich gegen dich”. Überhaupt findet man wieder eine Menge Witz auf dem Album, in dieser Reihe treten Songs wie “Imitationen” und “Luft” auf. Viel schreiben ließe sich sicher über “Harmonie ist eine Strategie”, das sowohl inhaltlich als auch von der Textform her permanent enttäuscht: Es wird eine Geschichte ohne Ereignisse erzählt, in der man aber ständig etwas Wichtiges erwartet. Und das mit einer Sprache, bei der man ständig auf die typischen Reime lauert, diese aber nicht bekommt - trotzdem ist sie offensichtlich mit poetischen Stilmitteln aufgeladen und reimt sich eben einfach anders als gewohnt.
Hinter “Aus meiner Festung” und “Wir sind viele” lässt sich Gesellschaftskritik ablesen: So bleibt die Utopie des anfassbaren Stars, der einfach alle Fans, Stalker und Journalisten (was ist jetzt eigentlich das Schlimmste?) zu sich nach Hause in seine Festung einlädt ein Tagtraum. “Wir sind viele” könnte wohl wunderbar als Musik bei der nächsten Demo gegen die Armut auf der Welt eingesetzt werden: ”Wir sind viele / Jeder einzelne von uns / ... / Jeder geheime Wunsch / ... / Unser Name ist Legion / ... / Ein ganzes Lexikon / ... / Das könnte mir passieren, ich weiß, ich weiß, ich weiß / Das könnte dir passieren, du weißt, du weißt, du weißt / Wir sind viele” - wenn denn nicht der Schlussteil wäre: ”Das Lied, das sich von selber singt / Weil wir vergessen, dass wir Menschen sind”. Das lässt sich doch mal richtig dufte interpretieren, wenn man nämlich einen Demonstranten sich inmitten eines Demonstrationszuges umschauen lässt, dann erkennt er sicher einige geheime Wünsche (nach Aufmerksamkeit? nach Geselligkeit?), fühlt sich schon mal als Bestandteil einer im Gleichschritt marschierenden Streitmacht und muss ein Lexikon benutzen, um all die politischen Splitterideologien nachschlagen zu können. Das ständige “Das könnte mir passieren”, was an dieser Stelle im Refrain des Liedes übrigens mal wieder ein großes Schmunzeln auf das Hörergesicht zaubert, dient dabei als Motivation zum Protest. Am Ende dann stellt sich heraus, dass sich die Parolen wie von selber singen und die Gewalt wie von alleine eskaliert - weil man in einer gewalttätigen Masse einfach vergisst, dass man eigentlich gegen Gewalt ist - genauso wie man in einer singenden Masse vergisst, dass man eigentlich gar nicht singen kann.
Der Schluss der “Kapitulation” lautet “Explosion” und auch hier ist der Name mal wieder Programm. Das ist vielleicht mein Liebling auf diesem Album, mit dreieinhalb Minuten zu kurz um den gerne am Ende einer Platte bemühten ewig langen Lofi-Noise-Rausschmeißer darzustellen, aber trotzdem genau in dieser Funktion - nur eben zum lauten Knall komprimiert. Den Text - und da ist mir jetzt wirklich mal scheißegal ob Collage oder nicht - finde ich so großartig, dass ich dieses umfangreiche und verkopfte Review damit beschließen will. So muss man sich einem Toco-Album widmen: Ewig drüber reden, aber am Ende hat doch immer das Kunstwerk das letzte Wort.
”Kannst du vor deinen Augen die Explosionen sehen / Ein Feuerwerk in der Nacht / Kannst du in den Pfützen die Wolkenfetzen sehen / Spiegel in der Innenstadt / Kannst du in den Bäumen die Tonbandfetzen sehen / Wer hat sie dorthin gebracht / Alles gehört dir, eine Welt aus Papier / Alles explodiert / Kein Wille triumphiert”.

K. Haller
titel
01 Mein Ruin | 02 Kapitulation | 03 Aus meiner Festung | 04 Verschwör dich gegen dich | 05 Wir sind viele | 06 Harmonie ist eine Strategie | 07 Imitationen | 08 Wehrlos | 09 Dein geheimer Name | 10 Sag alles ab | 11 Luft | 12 Explosion
Release: 06.07.07 bei Universal
|http://www.universal-music.de|
Künstler-Homepage: http://www.tocotronic.de/
cover
Bewertung:
5/5