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"Der Schorfopa" von Heinz Strunk
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"Der Schorfopa" von Heinz Strunk

etztes Jahr erschien die erste Sammlung von Kurzhörspielen, die Heinz Strunk zwischen 1995 bis 2007 aufgenommen und auch selbst produziert hat. Nach dem Erfolg von “Mit Hass Gekocht” folgt jetzt Vol. 2: “Der Schorfopa”. Inhaltlich gilt für die neue Sammlung fast das gleiche wie für die alte - daher empfehle ich zunächst die Lektüre des entsprechenden Reviews (http://magagin.de/reviews_101.html). Trotzdem ist “Der Schorfopa” mehr als nur die zweite Wahl - diesmal nimmt der Strunker mit technisch erweiterten Möglichkeiten vor allem die Medien aufs Korn.

Als großer Unterschied zu “Mit Hass Gekocht” kommen auf “Der Schorfopa” auch die Medien in Strunks Lauschweite und werden ordentlich durch den Kakao gezogen. Freunde von Werbung werden hier keinen Spaß haben, denn Strunk äfft die große Verarsche, der wir uns täglich in Funk und Fernsehen ausgesetzt sehen, gnadenlos nach. Sei es die Kackstelze (die bei plötzlichem Arschdruck Erleichterung verschafft), die schlimme Augenwurst (die den akuten Fleischappetit stillt) oder das Institut “Folter Lübcke” (das dem persönlichen Feind Schmerzen nach Wahl zufügt) - bei Strunks Scherzen braucht man schon ein dickes Fell zum Lustigfinden. Das gilt auch für die Nachahmungen von Zeitzeugen-Interviews, die man z.B. von der x-ten Guido-Knopp-Hitler-Dokumentation aus demFernsehen kennt: “Der Schorfopa”, “Hitlers letzter Diener” oder “Das Penistier” erzählen in diesem Stil, allerdings mit einer Art poetischen Einschlags.
Häufig klingt es dann auch so, als ob Strunk (bzw. seine alter egos) ablesen würde. Das macht insofern auch Sinn, da die Buchtipps (“Lies mal wieder - denn Lesen ist sooo wichtig”) in “Vom Frühchen zum Früchtchen” und “Heilen mit Brühe” offensichtlich nur die bescheuerten Promo-Infos des Verlags wiedergeben - der Sprecher verspricht sich auch noch beim Ablesen, liest die Interpunktion laut mit und hat offensichtlich keine Ahnung von oder Interesse an dem Kram, den er den Menschen da auftischt.

Passend dazu hat Strunk eine zweite Neuerung in dieser Hörspielsammlung: Die Musik. Die Medien-Nachahmungen werden natürlich mit bescheuerten Jingles und Geräuschen hinterlegt, omnipräsent sind auf “Der Schorfopa” auch billige Keyboard-Sounds. Diese kennt wohl jeder, der mal einen Allein-Unterhalter zum Abiball bestellt hat: Rhythmus an, irgendeine Taste gedrückt und schon legt die “Tischhupe” los. (Am Rande bemerkt: Für die ganz eigene Ästhetik dieser Sounds gibt es tatsächlich eine eigene Musikrichtung, “Casiotone” genannt. Einer der bekanntesten Vertreter war der US-Amerikaner Wesley Willis (http://www.alternativetentacles.com/bandinfo.php?band=wesleywillis)). Eine ideale Ergänzung. Den wohl schönsten Einsatz erfährt das musikalische Talent beim “Heinz S. Fanclubtreffen”, wo ein Lied zu Ehren des Strunkers vorgetragen wird. Heinz Strunk ist anscheinend nichts heilig - nicht mal seine eigene Person.
Insgesamt gilt auch beim Vol. 2: Laut loslachen wird wohl keiner. Dafür besitzen Strunks Geschichten einen höheren Anspruch, der stark Richtung Kunst tendiert. Unterhaltsam sind sie eigentlich immer, manchmal sogar eher traurig als komisch. Beispiel: Der Chef einer Abschleppfirma erzählt von einer Massenkarambolage:
“(...) Mehr als 100 beteiligte Fahrzeuge, wahrscheinlich viele Todesopfer zu beklagen. Ja, und wir, das einzige Abschleppunternehmen, natürlich alles sofort stehen und liegen gelassen und hin, ne. Am Unfall selber, da konnten wir ja im Nachhinein auch nichts mehr dran ändern, ne. (...) Und da war das nun mal n super Tag. Ansonsten war’s furchtbar.”
Oder nehmen wir Strunks alter ego Bernd Würmer, der durch eine plötzliche Erbschaft zu Geld kommt und sich davon eine Schönheitsoperation leisten will (in “Extremities”):
///“Arzt: Herr Würmer, ich frag einfach mal so frank und frei: Wie würden Sie denn gern im Idealfall aussehen wollen nach der OP?
Würmer: Ach so! Ja, Herr Doktor - den amerikanischen Schauspieler Brad Pitt, kennen Sie den?
Arzt: Ja, natürlich kenn’ ich den.
Würmer: Ja, also, den find’ ich gut, oder Kai Pflaume.
Arzt: Äh, Ihre Träume in allen Ehren, aber solche Veränderungen sind bei Ihren Voraussetzungen natürlich nicht zu machen.
Würmer: Ach so.
Arzt: Wenn Sie am Ende so aussehen wie (ich sage mal jetzt) Günther Jauch, so als Standard, dann können wir schon sehr, sehr froh sein.
Würmer: Ja, äh, äh.
Arzt: Ich sage es Ihnen hier ganz offen Herr Würmer: Sie sind für mich eine berufliche Herausforderung.
Würmer: Mmh -.
Arzt: Ich möchte Sie im Übrigen bitten, den Operationsverlauf filmen zu dürfen, um Sie dann in der Fachzeitschrift “Extremities” veröffentlichen zu können.
Würmer: Ach so! Ja, sehr gerne, Herr Doktor, das ist mir eine Ehre.
(...)”///
“Der Schorfopa” ist absolut hörenswert und alles andere als eine billige Fortsetzung von “Mit Hass Gekocht” oder gar eine zweite Wahl des Materials. Witzig, einfallsreich, prima produziert: Strunk ist ein guter Mann, allerdings sicher nicht jedermanns Sache. Übrigens wird sein Roman “Fleisch ist mein Gemüse” (2005) gerade verfilmt und soll im nächsten Jahr in die Kinos kommen. Bereits im Oktober könnt ihr den Strunker in der österreichischen Psycho-Komödie “Immer Nie Am Meer” (http://www.immernieammehr.at) in einer Hauptrolle bewundern.
Hörprobe eins: “Bier Gespritzt” (http://www.roofmusic.de/files/hoerproben/Schorfopa_Bier_gespritzt.mp3)
Hörprobe zwei: “Weiberjoggen” (http://www.roofmusic.de/files/hoerproben/Schorfopa_Weiberjoggen.mp3)

K. Haller
titel
01 Geschwindigkeitsbegrenzung | 02 Samosteller | 03 Tiersitcom | 04 Weiberjoggen | 05 Unter die Dusche! | 06 Strukturpflege | 07 Der Schorfopa | 08 Das Move | 09 Zeit | 10 Womanizer | 11 Vom Frühchen zum Früchtchen | 12 Kornkammer Deutschland | 13 The Rock | 14 Schlimme Augenwurst | 15 Heinz S- Fanclubtreffen | 16 Lustgreis | 17 Das Patent | 18 Folter Lübcke | 19 Bier gespritzt | 20 Massenkarambolage | 21 Extremities | 22 Speichelschwamm Gregor | 23 Die Alternative | 24 Hitlers letzter Diener | 25 Heilen mit Brühe | 26 Die Kackstelze | 27 Das Penistier
Release: 03.08.07 bei tacheles/ROOF Music GmbH
|http://www.roofmusic.de|
Künstler-Homepage: http://www.heinzstrunk.de/
cover
Bewertung:
3/5