astard Sons – uneheliche Söhne von Johnny Cash? Das ist ja nun was Neues. All die Besserwisser, die sich wegen eines Dienstagabend-Kinobesuchs mit „Walk The Line“ nun als große Cash-Experten fühlen, wollen natürlich widersprechen. So ganz Unrecht haben die auch nicht. Es handelt sich tatsächlich vielmehr um Adoptivkinder – mit einer unglaublichen Geschichte…
Und das kam so. Mark Stuart ist Punkrock-Musiker in San Diego und merkt Anfang der Neunziger: Die Songs, die ich hier schreibe, sind eigentlich gar kein Punk, sondern Country. Eine umfassende Country- und insbesondere Johnny-Cash-Sozialisation befähigen ihn Gott sei Dank zu dieser Erkenntnis. Bald sind passende Musiker für das neue Bandprojekt gefunden, das zunächst ohne Namen losmusiziert. Alsbald jedoch bekommt Stuart die Eingebung, er müsse sich und seine Jungs „The Bastard Sons Of Johnny Cash“ nennen, wohlwissend, dass damit mächtig Urheberrechte verletzen würde und da die Punkrock-Zeiten ja vorbei sind, scheut man zunächst den Konflikt.
Mit der Frau des bekannten Songwriters Willie Nelson findet sich wenig später eine wichtige Unterstützerin, die der Band Auftritte klarmacht und Stuart Zugang zu einer TV-Show organisiert, in der Johnny Cash himself auftritt. Wie ein kleiner Groupie versucht Stuart an sein musikalisches Idol heranzukommen, muss sich aber damit abfinden, dass er nur dessen Assistenten sein Demo in die Hand drücken kann.
Wenige Tage später klingelt bei Herrn Stuart das Telefon. „Hello, this is Johnny Cash... I love your songs. I would be proud if you guys would be my bastard sons!” Und das ist wirklich passiert! Joa, damit wäre dann die Sache mit dem Bandnamen geklärt und man zieht mit eben diesem los zu den ersten Touren. Bei einem Konzert in Nashville steht plötzlich Johnny Cashs Sohn vor der Bühne. Der mag die Musik auch und klärt den vermeintlichen Stiefgeschwistern mal eben ne kleine Aufnahme-Session im Orginial-Studio von Daddy – Johnny Cash.
Damit ist dann auch die erste Platte fertig. Zwei weitere folgen, aber Europa kommt bloß bei Live-Konzerten in Genuss der schönen Country-Tunes. Damit sich das ändert, erscheint nun hiermit eine Compilation von Stücken aus den letzten drei Alben und wir können endlich unser Country-Fach im CD-Regal (das wohl zumeist höchstens aus Cash-Platten von Saturn für 4,99 besteht) adäquat erweitern.
Die Platte macht wirklich sehr schnell deutlich, dass hier nicht die ganze amerikanische Country-Prominenz aufs falsche Pferd gesetzt hat. Obwohl die Instrumentierungen zunächst recht konventionell anmuten – und es im Grunde auch sind – bietet doch jedes Lied sehr abwechslungsreiche Arrangements mit einer Vielzahl von verschiedenen Instrumenten, Rhythmen und Stimmungen. Grundsätzlich also durchaus bodenständig, aber schlichtweg hervorragend gut gemacht.
Country ist nun auch ein Genre, das besonders auch von den Texten lebt, was sicherlich vielen Menschen, die nicht Englisch-Muttersprachler sind, den Zugang zum Country wesentlich erschwert. Das Booklet des Albums bietet aber die kompletten Texte zu allen 21 Songs und gerät man erst einmal ins Schmökern, kann man gar nicht mehr aufhören – so abwechslungsreich, poetisch, interessant und spannend sind die Texte – selbst ohne die Musik. Dabei bedient sich Stuart wiederum einer meist sehr einfachen, aber dafür umso ausdrucksstärkeren Sprache. Der Mann ist wirklich ein super Lyriker.
Vieles dreht sich um Alkohol. Der Opener „Texas Sun“ handelt davon, betrunken aufzuwachen, weiterzusaufen, frustriert und angewidert von allem und jedem zu sein und irgendwann mit den großartigen Worten zu resignieren: „Lay me down in my big black Cadillac“.
Der eindrucksvollste Track kommt direkt hinterher. „Blade“ wird unheimlich getragen gesungen. Der Text ist ein wenig abstrakt – besteht aus einzelnen Gedankenfetzen. Die einst klaren Gedanken wurden vom Schmerz der enttäuschten Liebe zerstückelt. Und nicht nur das Denken versagt, das ganze Selbst scheint zu zerfallen, sodass Stuart klagend fragt: „How deep ist the wound? How much of me is you?“ Es ist unheimlich beeindruckend, wie authentisch leidend Stuart hier singt, dabei aber bei den gedehnten Melodien keinen Ton auch nur um ein Hertz verfehlt. Hat man das erstmal verarbeitet, bemerkt irgendwann das Ohr, dass die musikalische Untermalung gar nicht so spartanisch ist, wie man es vielleicht erwartet oder wahrgenommen hat. Vielmehr durchzieht ein Offbeat völlig unbeirrt den Song und gemeinsam mit den Gitarren und der leisen Orgel, entsteht eine musikalische Umgebung, die den Gesang kontrastiert und Stuart noch verlorener klingen lässt, wenn er singt: „Loneliness is a blade. Drawn across my skin.“
Ja, das Verrückte an der Platte ist wirklich, das sie mit 20 Songs permanent auf höchstem Niveau bleibt. Da gibt’s überhaupt kein Gefälle, aber gleichzeitig eben sehr viel Abwechslung. So finden sich auch mehrere ziemlich flotte Tracks, wie „No Easy Road“, das ein fulminantes Solo beinhaltet, bei dem man auch richtig merkt, wie groß Stuarts Affinität zu Counry ist. Das kann so niemand so schreiben, der nicht wirklich den Country lebt.
Neben dem musikalischen Abwechslungsreichtum, der sich besonders auch durch den Einsatz vieler verschiedenen Instrumente erklären lässt, gibt es auch wirklich textlich für jeden was. Konventionelles balladeskes Storytelling, kurze Situationsskizzen, expressive Assoziationslyrik und so weiter und so weiter.
Es ist also wirklich eine Schatzkiste. Eine Schatzkiste, die sich niemand entgehen lassen sollte, der Cash mag und handgemachte amerikanische Musik schätzt.










