it dem Album „Augenlieder“ verabschiedet sich Dresta, der Mastermind der Raportaz, aus dem deutschen Rap. Nach ganz oben hat er es nie geschafft, aber wirkliche Deutschrap-Freunde sind an seinen Platten nicht vorbeigekommen und haben insbesondere in den klugen Lyrics einen Gegenentwurf zum Spaß- und Entertainment-Rap des 21. Jahrhunderts gefunden.
Die Songs auf dem Album sind keine gute Laune-Mucke. Bereits im eigentlich hymnisch arrangierten Auftaktsong „Dresta“, der mit enorm bombastischer Instrumentierung nach vorne geht, stellt sich Dresta vor und gewährt gleich Einblicke in sein Denken und Fühlen. Und da ist eben nicht 24/7 Sonnenschein. Das liegt ja nun wiederum nicht unbedingt daran, dass Dresta depressiv ist oder so. Von wegen. Nur verschließt Dresta eben nicht die Augen vor Armut, Einsamkeit, Hass, Gewalt und Kriminalität in der Gesellschaft. Lebt man im Norden Kassels ist das leider auch kaum möglich.
„Helden“ ist beispielsweise eine Reportage ganz und gar in der Manier, die den „Raportaz“ ihren Namen gab und sie so unverwechselbar gemacht hat. Drei Menschen werden vorgestellt, in denen Dresta tatsächliche Helden sieht – und das hat für ihn eben nichts mit Fame und Reichtum zu tun. So portraitiert er beispielsweise eine Krankenschwester, die jeden Tag für das Überleben Anderer kämpft, aber dafür nur ein winziges Gehalt bekommt und statt Anerkennung zu bekommen, nur wie der letzte Dreck von den Ärzten behandelt wird und ständig Menschen beim Sterben zuschauen muss.
Nachdem in „Hänsel & Gretel 2007“ Raportaz-Kollege Kuba gefeaturet wird und gottlob eine fürchterliche Geschichte mal einen guten Ausgang findet, kommt mit „Keine Sonne“ ein Feature mit Ginex und Fidan, einem Russen und einem Albaner, die in ihren Muttersprachen rappen. Die beiden Jungs, die sich Tag für Tag durch einen harten Alltag in Kassel-Nord kämpfen, unterstützen Dresta mit gut erkennbaren Skills darin, das absurd verklärte Bild vom Kleinkriminellen gerade zu rücken. Die Gangster-Rapper Deutschlands müssten wirklich beschämt sein, hier mal zu hören, dass man nicht nur aus Image-Gründen kriminell werden kann, sondern es auch Leute gibt, die einfach keine andere Wahl haben. Und wenn sie die Wahl hätten, sofort was anderes machen würden. Und ich sags nochmal: Das ist hier kein Gutmenschen-Pädagogen-Rap. Das ist eine Realness, die ich von keinem anderen Rapper in Deutschland kenne.
Separate ist Feature-Gast für „Klasse 10b“ in dem sehr anschaulich zu einem Beat von Julian Robotz (Haus-und-Hof Beatbastler der Raportaz) zwei Schüler vorgestellt werden. Biographien wie man sie auch in der eigenen Schulzeit kennengelernt hat, aber man verdrängt ja gern die Probleme anderer und vergisst, mit was für nem Scheiß sich einige Leute rumschlagen müssen und wie perspektivlos so manches Leben scheint. Dresta folgt hier seinem Auftrag die Leute eben nicht zu vergessen lassen– so kommen auch keine Namen in den Texten vor, womit die Biographien völlig austauschbar sind.
Absolutes Highlight der Platte ist allerdings „Für Immer“. Rückblickend erzählt Dresta hier von seiner Beziehung zu seiner Jugendliebe. Bezeichnenderweise ist der Text nicht im Booklet abgedruckt – im Gegensatz allen andern Tracks. Dieser Songs ist mit schönem organischen Gitarren-Picking und Dresta rauer Stimme wirklich unheimlich persönlich und berührend geworden. Da zeig mir echt mal einer einen deutschen Rapper, der Texte schreiben kann, die so touching sind. Dresta schafft es sehr gut, innerhalb der Lines zu akzentuieren, ganz sanfte Spannungsbögen über den ganzen Song hinweg aufzubauen und aufrecht zu erhalten. Man merkt einfach, dass Dresta hier keine Scheiße erzählt, weil er mal nen Song schreiben wollte. Er geht ihm einfach drum sich mitzuteilen und die Musik ist das Medium in dem ihm das am besten gelingt.
Aber obwohl Dresta sich eher von negativen Themen inspirieren lässt, ist nicht nur alles miesmuschelig. „Wohoo“ und besonders auch der witzige Kontaktanzeigen-Track „Rapper, ledig, sucht“ mit Jesen und tollem scratch-lastigem Beat von Dj Mem-Brain machen mächtig Spaß. Bei einem Album mit den Titel „Augenlieder“ gibt’s dann aber auch noch einen Silberling für die Augen, nämlich ne DVD. Insbesondere das Video zu „Keine Sonne“ ist großes Kino. Das Zeichentrick-Video von „Dresta“ ist hingegen n bisschen unspektakulär. Dafür erfreut das Video „Raportaz-Family“ vom letzten Raportaz-Family-Album „Unter Wert“ mit einem neuen, viel viel besseren Schnitt.
Ansonsten gibt es aber noch einiges weitere Bonusmaterial, wie eine Doku über einen Studiotag, etc. – Fans werden sich freuen.
„Game Over“ ist der Abschiedstrack von Dresta. Gänsehaut gibt’s hier wiederum nicht, weil Dresta besonders pathetisch ist, sondern weil man einfach merkt, wie berührt er selbst ist, wenn er seine Zeit als Rapper von den ersten Anfängen ein letztes Mal erzähl. Den vielen Abschiedsgrüßen und Glückwünschen für die kommenden Jahre ohne Mic von Partnern und Freunden, die hier am Ende des Tracks noch eingespielt werden, kann ich mich dann auch nur anschließen. Und mir bleibt noch zu sagen: Großartiges Album!










