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"Epoch" von Tonikom
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"Epoch" von Tonikom

ch glaube es gibt gar nicht so viele Leute, die ernstliche Einwände hätten, wenn man behauptete Hymen Records und Ant Zen würden als Plattform für die Avantgarde in der elektronischen Musik die Maßstäbe setzen, die auch wirklich länger als sechs Monate Bestand hätten. Dass sich daran nicht viel ändern wird, wird schnell klar, wenn man solch spannende Musik von Leuten wie Tonikom hört, die mit „Epoch“ auf Hymen Records debütieren.

Getreu dem augenscheinlichen Label-Motto „Stefan Alt spendiert für jedes Plattenartwork Naturfotos“ ist „Epoch“ in höchstem Maße ästhetisch gewandet. Die gleichermaßen komplexen wie schönen Ausformungen und Strukturen gefrorenen Eises lassen bereits erste Schlüsse auf den Inhalt der Platte zu. Ich sehe die Eigenschaften des Wassers als gemeinsames Merkmal. Aus dem gleichen Wasser können sich beim gefrieren völlig unterschiedliche Formen ergeben. Mal entstehen filigrane, geometrische Eisblumen, mal völlig chaotische Blasenbildungen, Risse, Strukturen in Unordnung – dann wieder ein vollkommener, anmutiger Eiszapfen, ausschließlich geformt vom Zusammenspiel aus Gravitation und Wasserstoffbrückenbindung. Und Wasser kann ja beim Gefrieren auch noch Einschlüsse bilden.
Aus Tonikoms Tracks entwickeln sich gleichermaßen ganz verschiedene Stücke, die aber aller einer gleichen Ästhetik folgen – man könnte auch sagen: aus dem gleichen Stoff gemacht sind.
Eine progressiv-futuristische Klangfarbe findet sich in allen Tracks wieder. So auch im paranoid-technoiden „Locked Out“. Wie Irrlichter schwirren hier bizarre Tunes durch einen Schlagzeugbeat, der ein strenges Raster über den Track legt. Dennoch bleiben die vorbeiphasenden Sounds nebulös und kaum lokalisierbar. Ein Schmelztiegel in Slow-Motion.
Aber auch im beinah trancigen „Dark River“ in dem Ambient-Träumereien durch raschelige Breakbeats gebändigt werden bleibt die Stimmung erhalten.
Und selbst wenn sich Debütantin Tonikom wie in „The Outside“ in Gefilde vorwagt, die eigentlich seit 20 Jahren Aphex Twin oder Boards of Canda gehören, geht das zum einen gut klar und zum anderen bleibt das Album dadurch weiterhin in sich schlüssig.
Der schöne Verdienst von Tonikom ist aber in jedem Fall die Verknüpfung von atmosphärischen Stimmung mit straighten Beats, die zum Teil schon stark richtig Drum’n’Bass gehen. Dies gelingt in sofern prima, als dass weder die Atmosphäre untergebuttert wird, noch die Beats auf ein Must-Have reduziert werden. Das Wort ist Symbiose.
Schönes Beispiel ist da auch etwa die drei minütige Träumerei „A Lament“, in der wirklich straffe Beats mit viel Kick aber auch dubbigen Delays von einer leicht melancholischen, sphärischen Melodie mit säuselnder Frauenstimme umspielt wird. „Walled In“ geht einen ganz ähnlichen Weg, wobei sich hier die funkelnden Soundschwaden immer weiter verdichten und sogar zunehmend den Beat in den Hintergrund rücken lassen.
Aber es geht eben auch straighter wie in „Unsettling“ oder dem vergleichsweise brachialen „Swollen“, bei dem man sich allerdings schon wieder freut, wenn das wilde Geboller des Basses ein wenig von kleinen Ambient-Tunes abgelöst wird.
Andere Extreme findet sich in „Stay“, dass etwas lethargisch zwischen Ambient und Leftfield schwebt und im verstörenden Breakcore-Outro.
In jedem Fall finde ich den Ansatz klasse mit recht unveränderlichen Beats, die aber meist Schlagzeugbeats und damit recht lebendig sind, zu arbeiten und die Arbeit in den Tracks aber die Melodien machen zu lassen und zu schauen, wie sich die Beats in der Wahrnehmung verändern, ohne dass sich an ihnen selbst wirklich was Wesentliches ändern würde. Das macht natürlich auch das Hören relativ einfach, da man sich jederzeit an den strukturierenden Beat klammern kann und dabei die Lausch-Fühler tiefer in Klangwelten eintauchen lassen kann. Schöne Platte!

S. Krutzinna
titel
01 Running As Fast As I Can | 02 Salvo Infinitum | 03 Locked Out | 04 Dark River | 05 The Outside | 06 A Lament | 07 Unsettling | 08 Walled In | 09 Swollen | 10 Thirytwodegrees | 11 Nightwalk | 12 Slowburn | 13 Stay | 14 Outro
Release: 21.09.07 bei Hymen Records
|http://www.hymen-records.com/|
Künstler-Homepage: http://www.tonik.org
cover
Bewertung:
4/5