is zum Jahr 1975 war Lou Reed ein überaus erfolgreicher Musiker. Als Mastermind von „The Velvet Underground“, der von Andy Warhol geförderten Band, wurde Lou Reed zu einem der wichtigsten Musiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch seine Solo-Karriere entwickelte sich (u.a. mit David Bowie als Produzenten) zunehmend kommerziell erfolgreich – bis zum Album Metal Machine Music. Dieses erscheint nun als Live-Version des Zeitkratzer-Ensembles.
Nachdem Lou Reeds selbst betiteltes Debütalbum 1972 floppte, erreichte er noch im gleichen Jahr mit der Glam-Rock-Platte „Transformer“ ganz gute Erfolge. Mit dem bedrückenden (und heute legendären) Folgealbum „Berlin“ überwarf sich Lou Reed jedoch erneut mit seinen Kritikern und dem Publikum. Eine wilde und trotzige Zeit folgte, bis 1975 mit „Metal Machine Music“ ein Album erschien, von dem alle Welt sagte: Lou Reed wird niemals mehr eine Platte veröffentlichen. „Metal Machine Music“ war ein Doppelalbum randvoll mit Gitarrenfeedbacks – und nichts weiter. Alle Welt war sich einig: Das ist keine Musik – das ist eine hässliche Trotzreaktion Reeds gegenüber seinem Label RCA. Und tatsächlich wurde das Album nach drei Wochen vom Markt genommen; die paar Platten die bis dahin verkauft waren, wurden zu einem ziemlich hohen Teil wieder zurückgegeben.
Den Menschen war einfach nicht aufgefallen, dass sich Lou Reed einen nicht selten mit Avantgarde-Musikern umgeben hatte, die ihn eben auch maßgeblich beeinflussten. So entstand ein Album, das einzig und allein dem Klang der elektrischen Gitarren gewidmet war – und zwar epochal, verstörend, und für die damalige Zeit viel zu vielschichtig.
Das elfköpfige Zeitkratzer-Ensemble, das sich schon vor diesem Release einen Namen durch sehr musikalische Arrangements und tabulose Umtriebigkeit gemacht hatte, verständigte sich im Jahr 2000 darauf, Reeds verrücktes Album neu zu arrangieren. Zwar verfügten sie bereits über einige Erfahrung mit Noise-Musik (u.a. hatten sie schon mit Merzbow gearbeitet) – aber ein reines Feedbacks-Album für manuelle Instrumente (Violine, Bratsche, Cello, Kontrabass, Saxophon, Trompete, Tuba, Klavier, Akkordeon und Percussion) umzuschreiben, klingt nun wirklich nicht nach einer einfachen Aufgabe.
Lou Reed hatte 1975 sein Album so eingespielt, dass er eine Gitarre sich selbst hat spielen lassen, in dem er sie anschlug und vor den Verstärker stellte und sie so eigene Loops erzeugen ließ, die sich wiederum mit den Loops anderer verzerrter Gitarren verstrickten. Dabei hatten diese Art von Loops natürlich nicht sehr viel mit den Loops der elektronischen Musik von heute zu hat, da sie eben analog und dynamisch waren. Diese sozusagen natürlich wachsende Musik auf Notenblätter zu schreiben und für völlig andere Instrumente zu transkribieren – das ist wirklich eine Aufgabe, die völlig fernab meines Erfahrungshorizonts liegt. Sich als Musiker in diesen Noise-Wolken auch noch zu recht zu finden und wirklich gemeinsam zu spielen, ist darüber hinaus eine weitere unglaubliche Leistung.
Aber so geschah es eben am 17. März 2002 in Berlin und Lou Reed war dabei. Umso schöner und interessanter, dass dem Album, das ein Live-Mitschnitt dieses faszinierenden Konzertes ist, noch eine DVD beiliegt, die ebenfalls bei diesem Konzert entstanden ist. Es ist unheimlich spannend zu sehen, wie die Zeitkratzer-Musiker zusammenspielen und wie sie ihre Instrumente bedienen und gemeinsam diesen Klangteppich knüpfen. So grabbelt Reinhold Friedl beispielsweise zumeist im Inneren seines Klaviers herum, statt die Tasten zu bedienen und der Percussionist Adam Weisman bedient sich wirklich obskurer Gegenstände um seine Klänge zu erzeugen.
Lobenswert ist, dass Zeitkratzer nicht versucht hat, das Ganze tendenziell massentauglich zu machen oder die Tracks irgendwie stärker zu strukturieren und für das Ohr leichter erfassbar zu machen. Metal Machine Music bleibt Metal Machine Music – wird dabei aber noch frenetischer, orgiastischer und transportiert weiterhin den Charme und das Ineinandergreifen der Gitarrensounds. Dabei beschränkt sich das Arrangement aber bei weitem nicht auf das simulieren verzerrter Gitarren, sondern schafft mit eigenen Mitteln die Multidimensionalität, den überwältigenden Klangreichtum und überhaupt die physische Präsens von Geräusch – was sich eben auch schon seinerzeit bei Reed fand.
Absoluter Höhepunkt – und da danke ich Gott für die DVD – ist der Auftritt von Lou Reed zum Ende des dritten Tracks. Einfach großartig, wie dieser alte, verlebte Mann in Lederjacke mit seiner Fender-Klampfe im Zentrum der Bühne Platz nimmt und mit erstaunlich flinken Fingern den Unfug macht, den er vor mittlerweile gut 30 Jahren begonnen hat. Da fragt man sich: Wie scheiße müssen unsere Eltern gewesen sein, dass sie das nicht verstanden haben?
Bei so einer Performance kann eine CD oder DVD natürlich kein vollwertiger Ersatz für einen Konzertbesuch sein. Aber im Rahmen des Möglichen kriegt man mit diesem Release wirklich viel geboten – man muss es nur laut genug hören.











