eit 1980 (n. Chr.) gibt es jetzt schon die Band R.E.M.. Länger als mich. Als ich die Platte aus dem Briefkasten nahm, dachte ich: Ja, okay – wird die zehnte Live-Platte oder so sein. Von wegen, es ist die erste! Und so ein Live-Album ist sowieso immer auch irgendwie ein Best-Of-Album – aber was soll ich denn noch dazu sagen? Ist doch klar, dass alle Musikjournalisten der Welt nicht genug Argumente zusammentragen könnten, um gegen den Erfolg der Band über knapp drei Dekaden anzukommen. Und doch gibt es Bemerkenswertes zu sagen.
Eins kann man nicht verleugnen: R.E.M. kommen einfach aus einer anderen Zeit. Und das sieht man nicht nur an den Falten auf den Gesichtern von Michael Stipe, Peter Buck und Mike Mills. Man sieht es (auf der dem Doppelalbum beiliegenden DVD) am viel zu bunten Bühnenbild, an der Art und Weise wie die Herren sich bewegen und tanzen, man merkt es am Gitarrenverzerrer, an den Piano-Fill-Ins, am Klang des Schlagzeugs und am Songwriting. Und die musikalische Sozialisation des Trios hat ja außerdem auch noch vor Bandgründung stattgefunden. Aber: Scheiß drauf. Man muss sich ja auch nicht in alles reindenken, sondern kann ja auch mal aus ner 2007ner Perspektive gucken, ob die Musik gefällt oder nicht.
Es dauert eine Weile, bis ich über die manchmal etwas lächerlich wirkenden Posen von Michael Stipe hinwegsehen kann und darüber, dass er sich einen schwarzen Streifen über Augen und Stirn gemalt hat. Bei „Boy In The Well“ haben sie mich dann aber doch (drittes Lied). Ein an sich unspektakulärer Song, der aber eben jene magischen Momente hat, wie sie nur in den ganz großen Songs zu finden sind, die man nicht jeden Tag schreibt. Da beginnt dann auch Michael Stipe Musiker und nicht Hampelmann zu sein – und das gigantische Charisma seiner Stimme ist es, wovon R.E.M. zu 95 Prozent lebt. Ist er der Mann, der der Band die Stimme leiht und aufrecht und konzentriert hinter dem Mikroständer steht und das Lied performt das Abertausende im Dubliner Point Theater hören, oder vielmehr erleben, dann ist er und R.E.M. mit den vielen weiteren Musikern im Hintergrund unschlagbar. Die heisere Stimme Michael Stipes, die laut wie leise mit erschreckender Perfektion ihrer vorbestimmten Melodie folgt, hat immer den so charakteristischen Schleier von Traurigkeit und Distanz. Die Aufnahmen vom recht durchmischten Publikum geben Eindrücke davon, wie bewegt Zuschauer davon sein können – ganz abgesehen, von der immer präsenten Freude, dieses Spektakel überhaupt erleben zu dürfen.
Es gibt eine Menge Menschen, die sagen, dass das Wort „Perfektion“ in der Musik nichts zu suchen hat. Und ich kann das auch verstehen. Diese Performance von R.E.M. in Dublin kommt da aber so nah ran, wie es möglich ist. Der Sound ist besser als bei den meisten Studio-Alben, die man so in die Hände kriegt, und die Herren, mit den unglaublich vielen gemeinsamen Jahren Erfahrung als Berufsmusiker sind einfach völlig tight – jeder Einsatz stimmt. Jeder Musiker weiß auf die Vierundsechzigstel wann er dran und ist und wann nicht. Und dennoch kann man ihnen die Freude ansehen, die sie beim spielen haben. Und da wird klar, dass R.E.M. keine blöden Musikstreber sind, die jeden Tag 14 Stunden an ihrem Instrument hängen, sondern einfach verflucht gut und erfahren sind. Dass die besten Songs von R.E.M. (einer der vielleicht erfolgreichsten Bands überhaupt) auch alle objektiv klasse sind, kann man ohnehin kaum bestreiten. Da muss ich dann auch als Rezensent das Handtuch werden. Wenn ihr R.E.M. mögt, dann ist das hier ein absolutes Must-Have. Wenn nicht, dann nicht. Mehr kann ich dazu nicht sagen.
Was ich aber noch sagen kann, betrifft den heimlichen Star dieses Releases: Blue Leach. Der ist nämlich Regisseur des Filmmitschnitts des Konzerts. Klar: Der hatte einfach die besten Möglichkeiten so einen Mitschnitt zu machen und ich will auch gar nicht wissen wie viele Kameras da im Einsatz waren und wie viele Kamerakräne und überhaupt Menschen nur für diese eine DVD gearbeitet haben, die hier ein bisschen stiefmütterlich behandelt bloß als nettes Gimmick dabei liegt. Ich glaub in diesem Konzertmitschnitt sind mehr Schnitte drin als in der kompletten Herr-Der-Ringe-Trilogie (extended edition). Davon abgesehen, kommt wirklich der komplette Filmemacher-Werkzeugkasten zum Einsatz. Verschiedenste Farbfilter, Schwarz-Weiß-Einstellungen, Zoom, Spiel mit Unschärfe und diverse weitere Effekte sieht man hier und alles was irgendwie am 27. Februar im Jahr 2005 im Point Theater war diente aus unzähligen Perspektiven betrachtet als Motiv. So wird ein scheinbar einfaches Konzert zum großen visuellen Erlebnis. Da freue ich mich, dass ich auch meinen ganz individuellen Grund habe (neben der ja sowieso großartigen Musik) sozusagen nach der Pflicht auch die Kür mit den Bestnoten zu prämieren.










