onnige Musik. In dunklen Zeiten mit trübem Himmel, grauen Wolken, kahlen Bäumen. Schluss mit melancholisch-herbstlicher Besinnlichkeitsstimmung. Jetzt wird alles mit einer Handbewegung vom Tisch gefegt, lass Tristesse mal Tristesse sein. Sun Electric haben ein paar alte Schmuckstücke hervorgekramt, womit uns das Berliner Duo die beste Medizin gegen Erkältungssymptome und Herbstdepressionen liefert.
Max Loderbauer und Tom Thiel machen schon furchtbar lange Musik in verschiedensten Formationen. Sun Electric gibt es unter diesem Namen bereits seit 1990. Darüber hinaus haben die beiden immer und überall irgendwas mit Musik gemacht: Diverse Releases bei verschiedenen Labels, Tourneen einmal rund um den Globus und schließlich eine Künstlerpause, die man sich mit kreativen Nebenprojekten vertreibt. Doch dann tauchen plötzlich Aufnahmen auf, die seit dem Jahr 2000 unberührt irgendwo auf Lanzarote rumliegen, nie veröffentlicht wurden und die nun unter dem Titel „Lost and Found“ bei dem Berliner Label shitkatapult released werden.
„Lost and Found“ ist aber keineswegs ein Sammelsurium von Songs, die es nie auf ein reguläres Studioalbum geschafft haben. Verwunderlicherweise wirkt die Platte so konzeptionell, dass man gar nicht glauben mag, dass es sich hier „nur“ um ein Nachlegen von unveröffentlichten Tracks handelt. Jeder der zehn Titel stößt dem Hörer eine Tür auf, die zuvor verschlossen war. „Lost and Found“ ist sowohl meditativ, als auch tanzbar. Sehr melodiös und sehr rhythmisch. Der typische Ohrwurm verbindet sich selbst innerhalb ein und desselben Liedes mit stählernen Beatsequenzen – so in „Choc au Lait“, zu dem man schon früh morgens mit der Kaffeetasse durchs Zimmer wirbeln kann, während man ebendiese dann klirrend zu Boden fallen lässt, wenn die Bässe zu wummern beginnen. Das ist als hätte man einen ganzen Tag im Zeitraffer erlebt.
Zehn bunte Luftballons, die Max Loderbauer und Tom Thiel in der Hand halten und nach und nach in die kalte klare Herbstluft steigen lassen, die ich einfange und in meine Wohnung hole. Und plötzlich fliegen Möwen durchs Zimmer und Wasser plätschert, Bäume rauschen und Sonnenstrahlen blinzeln durch ihre Blätter. Es knarzt, raschelt, knistert. Der erste Track „Toninas“ klingt, als stünde ich auf dem Dach eines Hochhauses, irgendwo läuten Kirchenglocken und unter mir ist alles auf einmal ganz klein, das rege, chaotische Treiben der Stadt wirkt plötzlich sinnvoll und geordnet. Der Song holt dich aus deinen Gedanken-Endlosschleifen, eröffnet neue Perspektiven und Sichtweisen. Das ist sehr energetische und sehr intelligente Musik. Klangkulissen und Geräuschteppiche werden in stringente Beats eingeflochten, Dynamik und Spielerei miteinander verwoben. Sun Electric ist rätselhaft, vielseitig, lustig, kreativ, verspielt – irgendwie alles. Ich sage merci und ziehe den Hut.










