oris Gott ist ein Dortmunder Liedermacher, der “Volksmusik im besten Sinne machen” möchte. Boris Gott? Was für ein Name. Wenn ich den Typen im folgenden Review erwähnen will, muss ich immer den kompletten Namen inklusive Vornamen verwenden - wahrscheinlich würde man mir sonst Blasphemie vorwerfen. Um diesem Vorwurf zu entgehen (und weil es einfach Spaß macht), will ich mich auch ausführlich mit dem Titel der Platte auseinandersetzen.
“Bukowski-Land”? Wenn man wie ich die schriftstellerischen Werke von Charles Bukowski ganz gerne mag, achtet man natürlich besonders darauf, ob Boris Gott seinem Vorbild gerecht wird. Irgendwie muss er ja auch mit Vergleichen rechnen, wenn er seine Platte so nennt.
”Als neuer Mann musste man bei der Post stets mit Überraschungen rechnen, vor allem, wenn man wie ich den ganzen Abend soff, um zwei ins Bett ging, und um halb fünf aufstand, nachdem man die ganze Nacht gevögelt und gesungen hatte und damit, beinahe, ungestraft davonkam.” (Charles Bukowski: "Der Mann mit der Ledertasche")
Die Helden Bukowskis sind abgehalfterte Trinker - Machos, denen Akne in der Kindheit das Leben versaut hat und die so lange Tag für Tag durch die Kneipen touren, bis das Geld alle ist und man entweder wieder einen guten Tag auf der Pferderennbahn oder irgendeinen ausbeuterischen Gelegenheitsjob braucht. Bukowski benutzt für seine Romane ein deutliches Vokabular, das weitgehend auf poetische Umschreibungen verzichtet und einfach sagt, was Sache ist. Dabei packt er immer wieder Seitenhiebe auf die etablierte Hochkultur dazwischen: ”Dann lernte ich David Janko bei der Arbeit kennen. Er war ein Weißer, Anfang zwanzig. Ich machte den Fehler, mit ihm zu reden, irgendwas über klassische Musik. In klassischer Musik wusste ich zufällig ein bisschen Bescheid, denn es war das einzige, was ich mir anhören konnte, wenn ich frühmorgens im Bett lag und Bier trank. Und wenn man jeden morgen diese Musik hört, muss einfach etwas hängenbleiben. Und nach der Scheidung von Joyce hatte ich aus Versehen zwei Bände “Lebensgeschichten Klassischer und Moderner Komponisten” in einen meiner Koffer gepackt. Die meisten dieser Männer hatten ein so qualvolles Leben geführt, dass es mir Spaß machte, darüber zu lesen, und dabei sagte ich mir, nun, ich lebe auch in einer Hölle, und ich kann nicht mal Musik schreiben.” (Charles Bukowski: "Der Mann mit der Ledertasche")
Mir ist es einfach wichtig, wenigstens ein paar Aspekte der literarischen Qualitäten zu nennen, die Sartre und Genet Bukowski als “den besten Dichter Amerikas” bezeichnen ließen. Es gibt wohl auch kaum einen Autor, dessen Werke in der Populärkultur öfter zitiert wurden. Die Band Hot Water Music hat sich nach einem Bukowski-Roman benannt; The Fall, Modest Mouse, die Red Hot Chili Peppers, Razorlight, The Good Life, Richard Ashcroft oder The Cult sind nur einige Künstler, die den zwischen Beat-Generation und Gonzo-Journalismus stehenden Poeten in ihren Liedern genannt oder zitiert haben.
Darüber hinaus gibt es über “Bukowski-Land” auch nicht besonders viel zu sagen. Es ist simple Volksmusik, die man mitsingen soll, nachspielen kann und die auch im Dortmunder Westfalen-Stadion in der Halbzeitpause gesungen werden könnte. Der stärkste Song ist sicher der Titeltrack, in dem der Refrain dann auch immer und immer wieder geschmettert wird: “Ich hab kein Heimatland / Nein, das ist abgebrannt / Mir bleibt der Nordstadt-Strand, bei uns hier im Revier regiert Hartz vier / Das ist Bukowski-Land / Mein Freund heißt Bohnenkamp / Mir bleibt der Bordsteinrand / Bei uns hier im Revier”. Dabei holzen immer wieder Mundharmonika oder Trompete mit simpelsten Soli dazwischen.
Auch wenn der Dortmunder Sänger die Metapher “Bukowski-Land” für seine Heimat verwendet, ist der doch kaum mit dem amerikanischen Schriftsteller zu vergleichen. Ob die Adaption des literarischen Settings auf das Leben im Ruhrgebiet passt - das kann ich nicht beurteilen. Die genannten literarischen Qualitäten aber gehen Boris Gott komplett ab, obwohl er doch immerhin ab und zu mit einer gewissen Zweideutigkeit punkten kann. Auch von der melancholischen Härte, die ja auch Bukowskis Romanen eigen ist, spürt man auf “Bukowski-Land” einiges (z.B. im “Borderliner-Blues” oder “RTL und Rohypnol”: ”Gib mir Schnaps und Kokain / das Leben stinkt / ich brauch Parfüm“). Ich hab also im Prinzip wirklich nichts gegen Literatur oder Musik, die so einfach gehalten ist, dass jeder etwas damit anfangen kann. Ich hab aber etwas gegen Lieder wie “IKEA Bällebad”, die einfach nur nerven, auch nicht lustig sind und in den Ohren wehtun. Am deutlichsten wird die Qualität von Boris Gotts Songs, wenn er kurz vor Schluss eine Coverversion von Kraftwerks “Das Modell” zum Besten gibt, die die vorangegangenen Stücke in den Punkten Stimmung und Songwriting lässig übertrifft.
Falls ihr bei Rosamunde Pilcher-Verfilmungen abschaltet, haltet euch auch von dieser CD fern. Falls ihr zu den Leuten gehört, die im Stadion “Die Hände zum Himmel” auch nach dem zehnten sieglosen Heimspiel mitschmettern, könntet ihr an der sauber produzierten Platte durchaus Gefallen finden. Falls ihr mehr über Bukowski wissen wollt, kauft seine Bücher oder haltet euch an andere Interpreten, wie z.B. Modest Mouse: "Woke up this morning and it seemed to me, that every night turns out to be / A little bit more like Bukowski. And yeah, I know he's a pretty good read. But God who'd want to be, God who'd want to be, / Such an asshole."











