ins ist sicher: Dave Gahan ist ein großer Mann mit einer großen Stimme. Die Biografie des Depeche Mode-Sängers, der vor allem mit einem Selbstmordversuch mit aufgeschnittenen Pulsadern und einer Überdosis mit zwei Minuten klinischen Todes medial reichlich Aufmerksamkeit verursacht hat, muss hier wohl nicht mehr großartig durchgekaut werden. Tatsache ist aber, dass dieser Mensch sein zweites Soloalbum “Hourglass” aufgrund seines bisherigen Lebensweges mit einem gigantischen Bonus vorlegen darf. Die Frage ist: Was macht er draus?
Mehr als noch auf der ersten Soloplatte “Paper Monsters”. Dieses Werk war nötig, um sich abzufinden von der bewegten Vergangenheit und sich zu emanzipieren von Martin L. Gore, dem Chef-Songschreiber bei Depeche Mode. Die Selbstreflexionen sind auf “Hourglass” zwar noch genauso präsent, aber sie scheinen eine aktuellere Qualität zu haben und von einer gefestigteren Basis zu kommen. Kein Wunder - die oben genannten Punkte hat Gahan wohl auch erreicht: Nach eigener Aussage ist er clean. Und: Auf dem letzten Depeche Mode Album “Playing The Angel” finden sich auch drei Songs aus Gahans Feder, so u.a. die Single-Auskopplung “Suffer Well”.
Man spürt einfach deutlich die neue Energie, die diesen Mann, der mittlerweile mit seiner dritten Ehefrau in New York lebt, durchflutet. Am deutlichsten wird das in “Saw Something”, dem grandiosen Opener: „Diesen Song hörte ich in meinem Kopf und meinem Herzen, als ich mit dem Songwriting begann; ich konnte es kaum erwarten, ein Mikro in die Hand zu nehmen und ihn zu singen. Im Text geht es darum herumzusitzen, darauf zu warten, dass etwas kommt - eine Art Schutz, oder eine Antwort. Inzwischen habe ich gelernt, dass man losgehen und danach suchen, selbst die Initiative ergreifen muss.” In diesem Zusammenhang macht auch die Sanduhr-Metaphorik im Albumtitel Sinn: Gahan will etwas schaffen in seiner Zeit, gehört werden - und eben nicht herum sitzen. Diese Idee prägt das Album von vorne bis hinten, zumal Gahan zusammen mit Christian Eigner und Andrew Philpott, die man als Schlagzeuger bzw. Programmierer schon von den Depeche Mode-Touren kennt, auch die Produktion selbst in die Hand genommen hat - und so für einen wirklich unmittelbaren und energetischen Sound gesorgt hat. Man kann es fast verspielt nennen, wie die drei ohne Scheu allerlei Effekte aufbieten, z.B. mit Filtern über Gahans Stimme spielen oder mit rückwärts gesampleten Schlagzeugbeats experimentieren. Eigentlich sollte nur ein Demo aufgenommen werden, ”aber bereits in der ersten Woche war offensichtlich, dass wir mehr als das taten. Die Zusammenarbeit mit Andrew und Christian gestaltete sich sehr angenehm, musikalisch verstehen wir uns wunderbar. So kamen wir auf die Idee, das Album selbst aufzunehmen und zu produzieren.“
Gahans Stimme ist dabei sowieso immer präsent - sei es in der dichten und unheimlich lauten Single “Kingdom” oder dem minimal-instrumentalisierten “Miracles”. Überhaupt kommen auf “Hourglass” einige spannende Einflüsse zum Tragen: Neben dem an Brian Enos Ambient-Serie erinnernden “Miracles” tritt mit “Deeper And Deeper” ein ziemlicher Industrial-Schocker auf und “21 Days” steht ein bisschen für Gahans Blues-Einflüsse - die vor allem aufgrund der meist elektronischen Instrumentierung zwar nicht gleich erkannt werden, aber diese Platte doch eindeutig prägen.
Zudem enthält “Hourglass” Aussagen, die sich Gahan sicher nicht leicht abringen konnte - aber mittlerweile ist er in der Lage dazu, mit Sätzen wie “I don’t believe in Jesus / But I’m praying anyway“ zu überzeugen - in all ihrer Widersprüchlichkeit: ”[Miracles] legt ein bisschen offen von dem, woran ich glaube, aber nicht alles. Ich verrate, dass ich nicht an Jesus glaube, aber trotzdem weiter beten werde. Religion ist kein Konzept das ich ... ich halte es für archaisch. Gleichzeitig ertappe ich mich häufig dabei, wie ich zu etwas oder jemandem bete. Wenn der Text in sich widersprüchlich ist, liegt das daran, dass ich mir selbst ständig widerspreche.” Das glaube ich gern... Zeigt der Vater von drei Kindern doch auch seine misanthropische Seite - die auf diesem Album immer präsent ist und in “Use You” am ehesten aufbricht. So sagt er auch zum letzten Stück der Platte, “Down”: ”Es ist die letzte kleine Reflexion darüber, wo ich mit “Paper Monsters” aufgehört habe. Visuell erinnert es an die Zeit, als ich nicht am Leben teilnahm. Allerdings gibt es immer noch Tage, da denke ich, was soll’s, jetzt köpfe ich die Flasche Jack Daniels.“
Wo sich Dave Gahan mit “Paper Monsters” als ernstzunehmender Solokünstler einen Namen gemacht hat, nutzt er diese Grundlage auf “Hourglass” zur konsequenten Weiterentwicklung. Wenn auch die industriell-gefärbte Aggressivität einiger Tacks sicher nicht jedermanns Sache ist und einige Songs ein bisschen zu sehr von Gahans Stimme leben, ist diese Platte für jeden Musikliebhaber ein echtes Schmankerl. Der Prozentsatz an Menschen, die mir in einfachen Melodien über die Vergänglichkeit und die Widersprüchlichkeit ihres Selbst vorphilosophieren dürfen, entspricht in etwa der Masse eines Atoms im Vergleich zum Big-Ben. Dave Gahan aber hat dort einen Stammplatz.











