ein theoretisch hat das Ding hier das Zeug zum Klassiker. Der Rapper mit dem vielleicht größten Einfluss auf die deutsche Szene überhaupt, bringt nach fünf Jahren ein neues Album heraus. Es hat mit 11 Tracks die kompakte Länge der großen Rap-Alben. Der Sound einer einzigen Produzentin verleiht dem kompletten Album eine dichte Atmosphäre. Aber die Erwartungen sind unglaublich hoch.
Es ist kein Wunder, dass die „großen“ Rap-Alben der Geschichte fast ausschließlich Debüt-Werke waren. Der Erwartungsdruck, der auf erfolgreichen Rappern lastet, ist in vielen Fällen einfach enorm. Gerade wenn man die Alben nicht im Jahrestakt rausballert. In ganz besonderer Weise gilt dies auch für Kool Savas. Dieser hat mit seinen, vielleicht etwas unbedachten, Ankündigungen vom deutschen „The Chronic“ vor einiger Zeit den persönlichen sowie äußeren Druck so hoch gepusht, dass er letztendlich vielleicht ein wenig zu belastend war.
„Tot oder Lebendig“ fängt dennoch großartig an. „Berührt den Himmel mit den Fingern“ ist die erste Line des Intros, gefolgt von den Sprechchören der splash!-Crowd. Der erste Gänsehautmoment nach nicht mal 10 Sekunden. Denkt man und hört weiter ... und hört weiter ... und hört weiter. Ganz ehrlich, beim ersten Durchlauf fängt einen dann erstmal nicht viel. Bis Track 6. „Mona Lisa“. Über kein anderes Lied des Albums ist im Vorfeld so viel gesprochen worden. Ein wunderbar rumpelnder Mel-Beat und ein Savas in absoluter Flow-Höchstform: „Keiner von euch kanns wie dieser/ Typ ist Da Vinci und das hier ist seine Mona Lisa“. Damit ist alles gesagt. Und man hört weiter.
„Tot oder lebendig“ ist definitiv eines dieser Alben, das sich nicht beim ersten Durchlauf erschließt. Es braucht einige Rotationen um wirklich beim Hörer anzukommen. Das erklärt vielleicht auch die vielen enttäuschten Reaktionen in den Rap-Foren in den ersten Tagen.
Ich habe das Ding immer und immer wieder gehört in den letzten Tagen und es wurde jedes Mal besser. Dieses Album ist eine Erklärung an Rap. Eine Liebeserklärung ist es nicht. Dafür hagelt es zu viel Kritik. Eine Kriegserklärung zum Glück ebenfalls nicht. Dafür wird viel zu oft deutlich wie sehr Savas dieses ganze Game am Herzen liegt. Wenn man „Orakel“ oder die Single „Der Beweis“ hört, wird der Zorn auf eine Szene deutlich in der sich Savas nicht mehr heimisch fühlt. Auch optisch zurückgekehrt zu schwarzem T-Shirt und simpler Flexfit wird hier klar, dass das dominierende Blendertum im Rap Savas Ding nicht ist. Auf „Alle schieben Optik“ kommt dann die entsprechende Zeile:„Das ist keine Phase, das ist unser Lifestyle, unser Leben, wie wir uns kleiden, geben und reden“. Rap hat Savas wieder. Und andersrum. Kein Image, keine Gimmicks. Auf diesem Album wird 40 Minuten Rap aus ganzem Herzen gemacht. Das hört man, wenn auch nicht sofort, dann doch früh genug.
Dieses intensive Beschäftigen mit „Tot oder lebending“ ist auf der einen Seite ein Segen, auf der anderen ein Fluch. Es werden Schwachstellen deutlich. Beim fünften Durchlauf sind unglückliche Lines wie „Ich weiß alles besser wie ein Besserwisser“ oder „Ich heiz euch ein, wie wenn man 1000 Tees kocht“ irgendwie nervig. Füllzeilen, die auf dieser kurzen Spielzeit nicht hätten sein müssen.
Doch man wird reichlich entschädigt. Kool Savas ist technisch nach wie vor on top of the game. Unerreicht ist seine Möglichkeit die Stimme als wichtiges Stilmittel einzusetzen. Seine rapiden Flowwechsel innerhalb der Stücke lassen einen jedes Mal wieder innerlich jubeln. Die ganze Atmosphäre des Albums ist durch das „ein MC – ein Producer“-Prinzip in sich absolut stimmig. Das einzige Rap-Feature kommt von Azad. Mit „On Top“ liefern die beiden einen würdigen „All 4 One“-Nachfolger. Ein guter „Kopf hoch“-Track, aber leider kein „Der Beste Tag meines Lebens“. Die Features von Moe Mitchell und Senna sind Rap-Puristen sicherlich kein Vergügen, aber bringen ein bisschen „Melodie“ in die Stücke
„Ihr habt lang genug gewartet, dass ein Album erscheint.“ Wie wahr. Es ist nicht das deutsche „Chronic“ – vielleicht auch kein Klassiker. Aber trotzdem ein absolut würdiges Album für einen Mann der nach wie vor verdammt wichtig für den deutschen Rap ist. Ganz klar: Lebendig.










