as Sigur Rós nun seit 1994 machen ist mehr als Musik. Es ist Gefühl, Subjektivität, Kunst, Synästhesie, Meditation, Innovation. Ein Sigur Rós – Konzert ist besser als ein Vollrausch. Sigur Rós ist eine Offenbarung. Die vier von den Isländern bisher veröffentlichten Alben (das “Von”-Remix-Album lasse ich mal außen vor) hüte ich wie ein Heiligtum und wahrscheinlich wird es niemals passieren, dass ich diese Platten einmotte, wegpacke, aus meinem Leben streiche, denn Sigur Rós liefert mir die Musik zu dem Film, in dem ich mich selbst jeden Tag in der Hauptrolle sehe.
Nun haben Jón þor Birgisson, Kjartan Sveinsson, Orri Páll Dýrason und Georg Holm einen eigenen Film gemacht und einen echten Soundtrack dazu. „Heima“ heißt der Film, was auf Deutsch „zu Hause“ bedeutet. Er zeigt die Band kreuz und quer durch Island tingeln, wo sie an den abstrusesten und gottverlassensten Orten kleine Konzerte spielen. Den Charme dieses kleinen Landes, das karg und trostlos ist und gleichermaßen ein Gefühl von Geborgenheit und Intimität vermittelt, fängt sowohl der Film als auch die Platte ein – visuell und auditiv. Die Platte, „Hvarf – Heim“ betitelt, besteht aus zwei Scheiben und zwei Titelbildern. „Hvarf“, was „verschwunden“ bedeutet, zeigt ein kleines Stück Natur, düster und verlassen, und beinhaltet fünf Studiotracks, die ersten drei neu bzw. bisher unreleased, die anderen beiden altbekannt. „Heim“ bietet sechs akustische Stücke, die überwiegend noch nie live performed wurden, die alle ein bisschen anders sind als die regulären Studioaufnahmen, aber nichts radikal Neues.
Und Innovation ist auch genau das, was dieser fünften Sigur Rós - Platte fehlt. Gut, wenn andere Bands ein Live-Video veröffentlicht hätten, bestünde das dazugehörige Livealbum wahrscheinlich einfach aus dem Konzertmitschnitt und fertig. Wahrscheinlich würden das 99% aller Bands so machen. Sigur Rós nicht. Diese Erwartung darf der Fan haben. Von Sigur Rós erwarten wir etwas Anderes, Kreativeres und
Einfallsreicheres. „Hvarf – Heim“ ist nicht einfallslos und auch nicht einfältig. Aber ich drehe die Platte immer wieder um, betrachte die Bilder. Höre sie wieder und wieder. Und ich bin ratlos. Ich hab mir mehr erhofft. Natürlich ist es nett absolute Lieblingsstücke wie „Starálfur“ oder „Vaka“, das erste unbetitelte Stück der “()”-Platte, mal akustisch zu hören. Aber ich hab das Gefühl, diese Platte hat als Zielgruppe solche Leute, die es nicht schaffen sich Sigur Rós mal live anzugucken, wo man solche Raritäten und Variationen geboten bekommt. Ich muss und will mir so was aber nicht auf Platte anhören. Aus Improvisation und Impulsivität wird dann Massenproduktion. Der Reiz geht verloren, wenn ich mir das wieder und wieder anhören kann – gerade bei einer solchen Band, die nicht Musik macht, um Geld zu verdienen, sondern weil es gar nicht anders ginge, weil die Musik raus muss.
Ein Live-Gig von Sigur Rós lässt sich nicht adäquat erfassen, wenn man ihn auf eine Platte presst. Bei einem Sigur Rós – Konzert geht’s nicht nur um die Musik, sondern um das Gefühl vom Widerspruch von Kollektivität und absoluter Individualität, das aufkommt, wenn man sich vergegenwärtigt, dass man inmitten einer Menge Sigur Rós – Fans steht, während sich doch im Kopf gerade ganz, ganz andere filmische Sequenzen abspielen.
„Hvarf – Heim“ ist offiziell auch als EP gedacht, was der Platte auf jeden Fall den Bonus gibt, nicht in der gleichen Liga spielen zu müssen wie die regulären Studioalben (bzw. gespielt zu werden). Die Platte ist – keine Frage – schön gemacht, rein optisch ein Schmuckstück wie auch „()“ oder „Takk“. Sigur Rós machen ihr Ding eben mit vollkommener Hingabe und Herzblut. Dennoch wird „Hvarf – Heim“ wohl leider als erstes in die Kiste mit den Relikten aus der Vergangenheit wandern, die irgendwann auf dem Dachboden verstaubt.












