er glaubt, dass jeder Tonträger, der irgendwann mal herausgebracht wurde, in irgendeinem „Weltmusikarchiv“ lagert und somit alle Zeiten überdauern wird, liegt ziemlich falsch. Musik geht verloren. Und wenn nicht musikalische Goldgräber wie die von Soul Jazz Records auf den Dachböden alter Jamaikaner herumkriechen würden, gäbe es diese großartigen, geradezu historischen Compilations wie „Jamaica Funk“ nicht.
Die 18 Tracks des Albums sind alle aus den Jahren 1972-78, also mindestens 30 Jahre alt, und wurden hauptsächlich auf Vinyl-Singles rausgebracht. Der spitzigfindige Musikfreund wird jetzt sagen: Moment, Süßer! Man spricht doch erst seit Ende der 60er von Funk als Genre, wieso funken die Jamaikaner dann schon so schnell mit? Das ließe sich jetzt extrem ausführlich beschreiben, ich könnte mächtig Eier zeigen, aber im Endeffekt wär’s wohl nicht so super spannend. Nur soviel: Der Austausch zwischen den USA, Großbritannien und Jamaika war seit den späten 50ern ziemlich intensiv. Man wanderte aus oder ein, besuchte sich, trieb Handel oder spielte im jeweils anderen Land Konzerte. Auf jeder Hin- und Rückreise waren dann eben Platten im Gepäck und so wanderten eben die jeweils landestypischen Stile umher und vermischten sich. So entstand auch jamaikanischer Funk – zu einer Zeit als nicht auch schon der Papa Funk gehört hat.
Auf zur Zeitreise. August Pablo, der wunderbare Melodica-Spieler, ist gleich mit A- und B-Seite seiner Single „Lightning Chap“ dabei. Bei diesem grandiosen Track kann man hervorragend feststellen, dass dieser verstaubte Dub auch gar nicht weit vom heutigen weg ist. Den versprochenen Funk finden wir hier allerdings nicht.
Den gibt’s dafür beispielsweise in Tracks wie „Rhodesia“ von den „Rebels“. Die Bassline ist funktypisch synkopisch, was bedeutet, das bestimmte Töne einfach ausgelassen werden, was die Sache groovig macht. Auch das Intro folgt eher amerikanischem Vorbild, wobei der Rest mit Offbeat und Orgel schon sehr deutlich Reggae ist. Aber so funktioniert das wohl, wenn sich Musikstil anfangen sich zu vermischen. Musiker denken sich – ach wie der da neulich auf dieser US-Platte Bass gespielt hat, war eigentlich ganz geil, das mach ich jetzt auch einfach mal. Super, dass man das so mitverfolgen kann!
„The Studio Sound“ liefert mit „Give Me Some More“ ein klar funkiges Stück ab, das man als Jamaica-flavoured bezeichnen kann – also genau umgekehrt. US-typische Bläsersätze, sogar ein paar ziemlich jazzige Soli auf dem Blech – und der Schuss Insel ist dann das Salz in der Suppe.
Die eingangs erwähnten Goldgräber haben ganze Arbeit geleistet. Und am Resultat können sich nicht nur totale Nerds jamaikanischer Musik erfreuen, die ihr Leben lang drauf gewartet haben, mal eine dieser vielen Raritäten im Plattenschrank zu haben. Nein – hier gibt’s zauberhafte Musik für jedermann. Grund dafür ist auch die vorbildliche Restaurierung des alten Materials. Davon zu sprechen, dass das klingt wie gestern von Timbaland produziert, wäre sicher übertrieben. Aber mehr kann man da wohl nicht rausholen, auch wenn manchmal n bisschen mehr Bass schön wäre, aber das ist bei älteren Aufnahmen eben so.
Ein Stück Geschichte, das man heute noch feiern kann.










