eografisch liegen Sputnik im bayrischen Oberland, musikalisch zwischen München (Sportfreunde Stiller), Berlin (Delbo & Klez.e) und Hamburger Schule. Ihr Erstling “Alles Absicht” ist dementsprechend kantiger, aber verständlicher und intelligenter “Deutsch-Pop”, der im Mid-Tempo vorgetragen durchaus interessante Zeilen vorzuweisen hat und auch mitreißen kann.
Mit “Hallo” stellen sich Sputnik im siebten Jahr des Bestehens erstmalig auch auf Platte vor - und tun das mit einer Hymne, die aber nicht so richtig aus sich raus will. Das “Wir sind echt, ganz im ernst” steht bezeichnend für mein Problem mit diesem Song: Zu sehr gewollt. Das ist prinzipiell der Störfaktor Nr. 1 zwischen mir und dem Fünfer - “Alles Absicht”, wieder stoisch langsam, setzt die Eröffnungsrede gleich in einem mit Politikerfloskeln gefüllten 9/8-Takt fort. In diesen Momenten, wenn die rhythmische Komplexität gesucht wird und auch lyrisch zumindest ein wenig Verfremdung greift, erinnern Sputnik an die großartigen Delbo. Denen allerdings merkt man die Schweißperlen beim Mitzählen viel weniger an, deren Texten fühlt man nicht so leicht auf den Zahn.
Na, ist auch fies. Sputniks Texte sind verständlich, so z.B. der Text der ersten Strophe samt Refrain aus “Was Obszönes”: ”Ohne dieses Gute / Ohne dieses Schöne / Ohne dieses Hübsche / Gehe ich heut nicht ins Bett / Ohne was zum Lachen / Ohne was Obszönes / Ohne diese Freuden bringt ihr mich hier nicht mehr weg / Ohne deine Stimme / Ohne deine Nähe / Und ohne deine Wärme gehe ich nie mehr ins Bett / Und ohne dich ist alles / Fast nur halb so toll / Du nimmst mein leeres Glas und machst es einfach wieder voll / Bitte verzichte mit mir auf alles was nervt in der Welt / Auf alles was irgendwann langweilt / Auf alles was uns nicht gefällt”. Da steckt nicht mehr viel Interpretationsspielraum drin, aber trotzdem gefällt dieser Text - auch, weil er einfach pompös inszeniert wird. Die überweise Weltmüdigkeit in “Sonne, Mond und Sterne” aber hätten sich die fünf auch sparen können. So etwas verdirbt mir den Spaß an jedem Sartre-Seminar.
Besser: Die aggressive Fragehaltung aus “Grundzufrieden”: “Wir haben alles was man braucht und wir funktionieren / Wir haben alles was wir wollen und wollen nichts verlieren [..] / Aus welchem Grund sind wir nicht / Wieso, bitte wieso / Weshalb, bitte weshalb sind wir nicht / Warum sind wir nicht zufrieden?”. Kann ich gut nachvollziehen.
Im Prinzip geht es so weiter: Mal platzt Sputnik einfach die philosophische Ader und dann müssen sie mit der Selbstüberzeugung eines bärtigen Philosophie-Studenten, der sich im Seminar viel zu häufig meldet, fragen, “Du willst mir doch nicht erzählen, du hättest gar nicht nachgefragt? [..] Ja, wer hat denn das behauptet, wer hat überhaupt die These aufgestellt?” (“Grundzufrieden”). Heraus kommen durchaus ansehnliche Songs, die wie “Bimm Bomm” Richtung “Prädikat: Perle” tendieren, was übrigens auch am herzhaften Synthesizer-Einsatz liegt. Mitten im üblichen Band-Setup holt einer der Jungs so einfache, konforme wie passende Linien aus diesem Maschinchen heraus. Auch die rückwärts gedrehten Samples, die ich so gern mag, verwenden Sputnik intelligent.
Wer sehr empfindlich ist, was Moralkeule, philosophische Totschlag-Argumente und Co. angeht, sollte sich von Sputnik fern halten. Freunde poppiger, halbwegs authentischer Nachdenk-und-trotzdem-feiern-Musik werden bestens bedient. Der Spagat ist Sputnik nicht vollkommen, aber wirklich beachtlich gelungen!
Ans Herz legen möchte ich dann doch noch die “Kleinstadtjugend”, die mit Mut zur Lücke und zum abstrakten Rhythmus eins der Highlights auf “Alles Absicht” ist. Einen Ausreißer nach unten gibt es auch noch, mit “Brocken im Harz” - dieser Berg ist ziemlich flach, wenn nicht sogar eine Pfütze.










