enetian Snares ist die Ikone, das Flagschiff, das Gesicht des Breakcore – obgleich er diese Genre-Bezeichnung total ablehnt. Breakcore als Hilfsbegriff bezeichnet dennoch eine Bewegung, die ähnlich Grindcore oder Punk ihr Glück in einem extremen und hässlichen Winkel des Musikuniversums sucht. Auf diesem Weg war Venetian Snares immer allen Mitstreitern um Längen voraus – bis jetzt.
Bis jetzt. Denn das aktuelle Album „My Downfall (Original Soundtrack)“ trägt im Titel das was die Mehrheit der Kritiker in der Musik erkennt – zumindest jene, die sich überhaupt an die Platte herangetraut haben. Der vermeintliche Mangel an Wildheit, Komplexität und Brachialität erwecke den Eindruck, der Tiger sei gezähmt. Sozusagen.
Venetian Snares sagte vor Jahren über seine Kompositionen: „Es ist alles Opern-Musik“. Obgleich zu jenem Zeitpunkt schon einige Rendezvous’ seiner Drum’n’Bass-Meteoritenhagel mit klassischen Arrangements veröffentlich waren und sein Cello-Studium auch kein Geheimnis war, haben wohl die wenigsten gecheckt, was er damals meinte.
Überdeutlich wird dies jedoch auf „My Downfall (Original Soundtrack)“. Dass auf dem 45-Minuten-Album mehr Klassik als Breakcore ist, wird wohl viele enttäuschen – erstmal. Aber nach vielmaligem Hören – und dazu lädt das Album in jedem Fall ein – wird eines klar: Venetian Snares’ Musik ist Opern-Musik. Hier ist wirklich überhaupt gar nichts von punkigem Trotz in der Musik zu hören oder vom Willen etwas Hässliches, Rebellisches zu machen. Der Breakcore, der geboren wurde um extrem und verschreckend zu sein, wird hier plötzlich ästhetisiert.
Mit der nur ihm eigenen Federführung verwebt er Streicher-Arrangements mit den venezianischen Trommeln. Dabei behandelt er alle Sounds gleichwertig. Es werden keine zwei Musiken ineinander gepresst, weder klanglich noch konzeptionell. Im kraftvollsten Track „Integraation“ ist ganz offensichtlich, dass Streicher und Breaks sich aneinander schmiegen, sich verschlingen und gegenseitig bedingen. Wilde Breaks transportieren plötzlich zarte Emotionen und die Streichersätze sind beim genauen Hinhören ebenso verschachtelt und verwoben, wie man es sonst von seinen gehirnfickenden Drums kennt. Als sei dies noch nicht genug, verschmelzen allmählich auch die Instrumente. Aus einem Cello-Motiv entwickelt sich ein breiter Drone und die wuseligen Beat-Samples tauchen in der Streicher Metrik ab. Man kommt schlichtweg nicht umhin, in diesen behutsam gestrickten Mustern eine Symphonie zu erkennen. Pathos, Emotionalität und Schönheit der Musik sprechen dafür. Natürlich ist hier der Symphonie-Begriff auch nur mit Venetian-Snares-Vorzeichen zu verstehen – wiederum im positiven Sinne.
David Lynch sagte mal sinngemäß, dass wenn man eine Kuh aufschneide und die Innereien von ganz nah betrachte, der Anblick wunderschön sei. Ich glaube so etwas passiert hier auch. Auf dem Album verzichtet Venetian Snares völlig darauf zu erschrecken, sondern bietet eine Perspektive auf die Schönheit, den Glanz und die Zärtlichkeit im Breakcore. Das klingt grotesk, aber es ist völlig revolutionär! „My Downfall (Original Soundtrack)“ ist nicht weniger als die Apotheose des Breakcore.










