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"In Rainbows" von Radiohead
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"In Rainbows" von Radiohead

adiohead - der Name steht für geniale Popsongs, die schon nach dem ersten Takt einen Berg von Emotionen lostreten können. Bei der Veröffentlichung von ihrem neuen Album “In Rainbows” tritt die Band mit ihrer Musik aber ein wenig in den Hintergrund eines neuen Vertriebsmodells. Neben einem kurzweiligen Interpretationsansatz (der Schlimmstes befürchten lässt) nebst einem Ohnmachtsbekenntnis widme ich mich diesem neuen Konzept, schwärme vom CD-Artwork und greife die Musik auf “In Rainbows” lieber nur mit wenig Worten auf.

Ich denk mal, dass für die meisten schon vor dem 10. Oktober, als “In Rainbows” digital veröffentlicht wurde, fest stand, dass Radiohead wieder ein gutes Album gemacht hatten. Wenn eine Band in der Vergangenheit so innovative wie kraftvolle und doch erfolgreiche Alben geschaffen hat, da verzeiht man ihr im schlimmsten Fall nicht einiges; nein,

man nimmt das Schlechte gar nicht erst wahr. Ich muss auch gestehen: An der Sysiphos-Arbeit, faktisch schlechte Lieder auf “In Rainbows” zu suchen, werde ich mich nicht vergeuden. Wenn man beim ersten Hören noch sagt: “Hui, die werden ja auch immer komplexer mit ihren Beats” nimmt man nämlich die gescholtene Rhythmik schon morgen als selbstverständlich wahr. Falls jemand die Texte als unsinnig oder unzusammenhängend bezeichnet - in zwei Wochen steht meine eigene Interpretationswelt. Oder - und das ist auch der letzte Punkt - wenn ich jetzt sage, dass das Stück Nr. 8 mit dem Titel “House Of Cards” auf die Dauer ein bisschen langweilt, was ich eben beim Hören wirklich gedacht habe - wird mir diese Aussage in vier Monaten nicht vielleicht absurd erscheinen?
Für mich unterscheidet sich der Klassiker von dem guten Album dadurch, dass ich den Klassiker auch nach Jahren immer wieder gern zur Hand nehme, während das sehr gute Album zwar bei der Besprechung genauso gut abschneidet, später aber

durch die zunächst so hohe Abspielfrequenz nur noch an Ehrentagen zu ertragen ist. Insofern, wenn ich diesen Punkt konsequent berücksichtigen und Radiohead mit dem höchsten aller Maßstäbe messen will, muss ich diese Rezension in ein paar Jahren noch einmal schreiben. Um die Sache aber jetzt schon spannend zu machen (und weil ich in ein paar Jahren eh etwas ganz anderes machen werde), will ich dem zukünftigen Ich jetzt schon mal ein paar Ideen vororakeln.
This is my way of saying goodbye
Because I can't do it face to face
I'm talking to you after it's too late
From my videotape

...singt Thom Yorke im letzten Song, “Videotape” - womit wir endlich bei der Musik wären. Die häufige Verwendung der direkten Anrede auf “In Rainbows” macht mir ein bisschen Angst. “Ich spreche zu dir nachdem es zu spät ist” ist ja eine Referenz an die Zukunft, die das lyrische Ich auf dem Videoband hinterlässt. Was ist zu spät? Warum sagt er “goodbye”? Wir ziehen noch eine weitere Textstelle, diesmal aus “Faust ARP”, hinzu:

I guess I'm stuffed, stuffed, stuffed
we thought you had it in you
but no, no, no
exactly where do you get off
is enough, is enough
I love you but enough is enough, enough
a last stop
there's no real reason

Wenn man jetzt “stuffed” mit “ausgestopft” übersetzt und dem guten Thom mal unterstellt, dass er hier eine mögliche Zukunft mit einbezieht (was durchaus nicht ungewöhnlich ist, wenn man bedenkt, was es in der Literatur zu dem Thema “vorweggenommene Rezeption” alles gibt) - dann klingt das doch nach einem in Bälde zu erwartenden Rückzug aus dem Musikgeschäft. Der ausgestopfte Popstar hat die Schnauze voll von dem nicht vorhandenen Idealismus der sogenannten “Fans” (die für sein Werk nicht bezahlen wollen, obwohl er es ihnen erlaubt hat, einen Betrag ihrer Wahl zu entrichten). Ein letzter Stop noch; aber was zu viel ist, ist zu viel.

Womit wir nun bei den ungewöhnlichen Begleitumstände dieser Veröffentlichung wären. Die Band hatte es den Kunden erlaubt, einen Betrag ihrer Wahl für den Download von “In Rainbows” zu bezahlen und damit einen ganz neuen Marketing-Weg beschritten. Er drückte ein Vertrauen in die Menschen aus - rein theoretisch hätte ja auch jeder Kunde sagen können: “Fein, dann nehm’ ich das kostenlos mit” und die Band stände im Regen. Mittlerweile gibt es das Angebot nicht mehr - man kann das Album seit Ende 2007 als CD im Fachhandel erwerben, aber nicht mehr runter laden. Über den Erfolg des Projekts spekuliert die “Fachpresse”, das Management von Radiohead aber schweigt und gibt keine Zahlen preis.

Und das ist auch gut so. Es wäre fatal, wenn andere Musiker aufgrund besonders guter oder besonders schlechter Statistiken wie Dominosteine umkippten und das Konzept adaptieren würden. Zumal der eigentliche Gewinn sich ja auch durch Zahlen gar nicht ausdrücken ließe: Wie viele Menschen haben jetzt “In Rainbows” im Ohr? Es gibt ja auch noch zukünftige Platten, ganz zu schweigen von Konzerteinnahmen...

Irgendwie werde ich aber das Gefühl nicht los, dass die Band von Anfang an damit gerechnet hat, dass sich dieser Weg finanziell nicht so richtig lohnen würde. Wir haben ja im Text schon Hinweise gefunden, aber auch die Produktion spricht hier ein Wörtchen mit. Es geht nämlich viel unmittelbarer zu als zuletzt. Es ist nicht die geniale Grobschlächtigkeit, die ja Radioheads Markenzeichen ist - in aufgeräumten Arrangements findet fast jeder Ton seine Quelle in der Vorstellung des Zuhörers, anstatt hinter einem effektvollem Soundtrack versteckt zu werden -, sondern ein Gefühl des Dabeiseins, der Nähe, das sich beim Hören einstellt. “Schlicht” könnte man es vielleicht auch nennen und da passt es wieder in mein Interpretationsmuster, denn wo keine Einnahmegarantie, da auch nur geringes Investitionsrisiko. Ganz passend haben Radiohead übrigens ein Konzert an Sylvester gespielt - ohne Riesenbühne, ohne große Lightshow, ohne angemietetes Streichorchester. In einem Proberaum haben sie gestanden und einfach “In Rainbows” einmal durchgespielt. Jetzt steht das Album zwar nicht mehr zum kostenlosen Download zur Verfügung, aber man kann es jederzeit unter dem Stichwort “Scotch Mist” bei YouTube finden, anhören und auch anschauen:



Ich begnüge mich mit der CD-Version, die übrigens auch ganz hübsch gemacht ist: Sobald das Cover einmal entfaltet ist findet der Käufer die CD im Pappschuber nebst diversen Aufklebern für die Selbstmontage an einer selbstwählbaren Plastikhülle, die man dann allerdings selbst zur Verfügung stellen muss. Ein Booklet ist auch dabei - es enthält die Texte des Albums auf eine merkwürdige Art dargestellt. Wie auch die Tracklist auf der Rückseite ist jede Zeile über die komplette Breite des Platzes gestreckt, wobei aber die Abstände und die Breite der Buchstaben normal sind und der Platz zwischen den Wörtern viel Raum bekommt. Wenn man dem Gesang mitlesend folgen möchte ist das zwar etwas anstrengend, aber es hat den interessanten Nebeneffekt, dass der Wahrnehmungsapparat die Wörter umgruppiert. Aufgrund der räumlichen Distanz zum Folgewort ordnet man das erste Wort einer Zeile nicht mehr derselbigen zu, sondern liest fast automatisch in der neu entstandenen Spalte nach unten weiter. Durch diesen Trick ergeben sich andere, noch absurdere Texte aus Stichwörtern, die wie kleine Bojen im Kopf des Lesers wiederum neue Geschichten und Interpretationen markieren.

Von meinen Versionen derselbigen will ich den gütigen Leser zumindest an dieser Stelle verschonen und wenigstens kurz auf einzelne Titel eingehen. Eins der absoluten Meisterwerke auf “In Rainbows” ist der Opener “15 Step”, der nur mit Thoms Stimme und einem komplexen, elektronischen Beat beginnt. Das kann man sich so schon wirklich anhören - und dann kommen nach und nach auch noch die anderen Instrumente dazu, was es immer besser und noch besser macht. Dem steht der zweite Titel, “Bodysnatchers”, aber in nichts nach: Mit einem schmutzigen Gitarren-Riff, das nun wirklich so was von aus dem Ärmel geschüttelt kommt, setzt das Stück ein und steigert sich über den großartigen Zeilen

Has the light gone out for you?
Because the light's gone out for me
It is the 21st century
It is the 21st century
It can follow you like a dog
It brought me to my knees
They got a skin and they put me in
They got a skin and they put me in
All the lines wrapped around my face
All the lines wrapped around my face
And for anyone else to see
And for anyone else to see

I'm a lie

in ein kurzes, berauschendes Inferno. Man könnte mit Song Nr. 3 “Nude” gleich den nächsten Höhepunkt festmachen, der mit einem sehr intensiven Verhältnis aus Spannung und Ruhe agiert, wie es überhaupt das Motiv auf “In Rainbows” ist; ständig habe ich die Vorstellung, mich im Auge des Hurrikans zu befinden. So. Warum von den anderen Liedern noch reden, wenn jeder sie hören kann? Sie sind ja alle hervorragend.

Schließen wir an dieser Stelle die time capsule und schauen, was die Zukunft bringt. Der Titel “In Rainbows” erklärt sich nach meiner Interpretation so, dass sich die Band mit ihrem Albumrelease einerseits schon im Regen und andererseits nah an der Sonne stehen sah. Wir leben in einer schlechten Welt und trotzdem können wir Glück empfinden. Mitten in diesem Widerspruch steht das Quintett und musiziert, was nicht nur dem Gewissen nützt, sondern auch Trost spendet.

K. Haller
titel
01 15 Step | 02 Bodysnatchers | 03 Nude | 04 Weird Fishes/Arpeggi | 05 All I Need | 06 Faust Arp | 07 Reckoner | 08 House Of Cards | 09 Jigsaw Falling Into Place | 10 Videotape
Release: 28.12.07 bei XL Recordings
|http://www.xlrecordings.com/|
Künstler-Homepage: http://www.radiohead.com
cover
Bewertung:
5/5