as 2007er Tocotronic-Album „Kapitulation“ war für viele Rezensenten ein dankbarer Anlass, sich kopfüber in eine intellektuelle Onanie zu stürzen. Klar, die Jungs haben es kaum anders gewollt. Dieses erste offizielle Live-Album der Hamburger soll daran erinnern, dass ihre Musik auch dazu da ist, junge Menschen zu unterhalten und sie zum feiern und tanzen zu animieren.
In meiner persönlichen „Tocotronic-Werk-Interpretation“ zähle ich die ersten drei Alben zur Frühphase. Diese ist geprägt von trashigem Sound und Texten voller Slogans und plakativer Naivität. Im 2002er Album „Tocotronic“ seh ich den Wendepunkt. Es ist erwachsener, geht noch bewusster mit Sprache um, hat aber den Esprit der Anfangstage noch nicht ganz abgelegt. „Pure Vernunft Darf Niemals Siegen“ geht den großen Schritt in die neue, bis heute andauernde Tocotronic-Phase, in der Dirk von Lowtzow und Konsorten sich nicht mehr als junge Hüpfer fühlen, sondern poetische Musik oder besser: musikalische Poesie machen. Herr von Lowtzow philosophiert in der Spex über Kunstsprache und das Album „Kapitulation“ gibt diversen Rezenten das Gefühl, dass sie endlich mal ein Album nicht nur beschreiben und einordnen, sondern erklären dürfen.
Da ist nun in den letzten Jahren eine Musik entstanden, die tatsächlich eher über den Kopf als über das Herz konsumiert werden muss. Das macht die Sache nicht leichter, wenn man diese Songs live spielen will. Gerade Live-Konzerte haben ja den Charme der unmittelbaren Erfahrung. Das funktioniert auf emotionalem Weg aber wirkungsvoller als in intellektueller Hinsicht. Bei Songs wie „Die Idee ist gut aber die Welt noch nicht bereit“ (nicht auf der CD) denkt man sich mitunter wirklich: So jetzt werden fremde Mädchen zum Eis eingeladen – Stracciatella oder Nuss.
Diese Art der Erfahrung bieten aber die neuen Songs nicht und Tocotronic haben sich ja auch bewusst davon abgewandt, weil diese ganzen Jugend-Songs nicht unendlich lange authentisch performt werden können.
„Verschwör Dich Gegen Dich“, „Luft“, „Kapitulation“ oder „Imitationen“ sind leider zu abstrakt, zu überpoethisiert um einen ernsthaften emotionalen Zugang zu finden. Das sind keine schlechten Songs, im Gegenteil: Gesanglich und musikalisch wird das Niveau der alten Songs um ein Vielfaches übertroffen. Doch die Songs gehören ins Wohnzimmer und weniger auf eine Bühne.
Es sind ja aber auch noch einige ältere Songs dabei. Sehr erfreulich find ich, dass es „Aber Hier Leben, Nein Danke“ auf das Album geschafft hat. Ein toller Song und ohne Frage einer der besten Live-Songs von Tocotronic. Obwohl der Song nicht so total alt ist, ist wiederum eine stärkere Bildhaftigkeit gegeben – und natürlich der super Refrain.
„Ich Bin Viel Zu Lange Mit Euch Mitgegangen“ ist eigentlich ein gutes Ding. Aber Herr von Lowtzow singt es so affektiert und hörbar angestrengt, dass aller Charme vergangener Tage aus den Zeilen weicht. Gleiches gilt leider auch für „Sie wollen uns erzählen“ und mit Einschränkungen dann auch noch etwas für „Freiburg“ und „Drüben Auf Dem Hügel“ am Ende der CD. Wobei die beiden Tracks wohl auch etwas dadurch konserviert wurden, dass sie wirklich bei jedem Konzert gespielt werden – aber umso besser, dass sie dann auch hier dabei sind.
Nicht mit Häme, sondern mit Traurigkeit muss ich leider resümieren, dass „Kapitulation Live“ kein großartiges Album ist – und das erwartet man von Tocotronic und darf es auch erwarten. Umso bedrückender ist das, wo sich die Vier doch alle Mühe gegeben haben ein gutes Album zu machen. Die Songs sind allesamt sehr fetzig arrangiert und haben einen herrlichen instrumentellen Sound, mit breiten, erstaunlich tiefen Gitarren. Die Songs sind verhältnismäßig schnell gespielt, aber immer tight und man kann die große Live-Erfahrung der Band hören.
Doch desto wilder eine Performance ist und je mehr sie versucht rockige Live-Action zu sein, umso weiter geraten die Texte in den Hintergrund. Und das sind nun mal zumeist Texte, die ohne gründliches Studium nicht erschließbar sind und durch die Schnelligkeit und die stark verzerren Gitarren wird ihnen dann noch die Möglichkeit genommen, eine unmittelbare Wirkung auf den Hörer zu haben. Was bleibt ist ein durchschnittliches Rockalbum mit obskuren Texten.










