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"Grande Finesse" von Delbo
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"Grande Finesse" von Delbo

elbo machen Songs, die in abstrakten Fragmenten eine Vorstellung der großen Liebe wiedergeben. Das Trio setzt dabei neben einem transparenten Sound auf rhythmische Komplexität und wahnsinnig abstrakte Texte - trotzdem schafften sie es mit ihrem dritten Album “Havarien”, mich auch in Punkto Catchiness einfach vom Hocker zu hauen. Jetzt liegt der Nachfolger im CD-Player und erfüllt Erwartungen; - wo “Havarien” aber einem grauen Herbsttag gut zu Gesichte stand, ist “Grande Finesse” ein bunter Blumenstrauß.

Das wird schon durch das Artwork angedeutet. Die Hülle von “Havarien” war fast komplett weiß - mit einem Bleistift konnte man die Tracklist sichtbar machen. Für “Grande Finesse” zeichnete der Designer Jan Kruse von Human Empire verantwortlich. Wer mal jemandem im Human Empire-T-Shirt begegnet ist oder vielleicht die knallbunten Cover der CDs von Morr Music schon einmal gesehen hat, weiß, dass hier an Farbe nicht gegeizt wird.
Und danach strebt auch die neue Delbo-Platte. Denn wo man auf “Havarien” den Instrumenten Bass, Gitarre, Schlagzeug und natürlich Daniel Spindlers Gesang weitgehend vertraute, reicherte man diese Grundlage auf “Grande Finesse” mit anderen Instrumenten an. Da klingt schon im Opener “Piamo” das Klavier entgegen, auch ein dezentes Waldhorn faucht den Klang an. Am deutlichsten wird die neue Vielfalt bei Lied vier, “Hermelin”. Zaghaft schrammelt ein Cello in den ausnahmsweise der Taktbetonung folgenden Beat, dann setzt eine Querflöte ein und die beiden machen aus dem klaren Delbo-Sound - nein, eben keine verwinkelte Symphonie, aber Cello und Flöte, Waldhorn und Klavier, Background-Gesang und Akkordeon beseelen die Musik doch mit einem anständigen Märchenglanz.

Das passt zu der eingangs angesprochenen Thematik der Delbo-Lieder. Großes Liebe. [..] ”wo scheinbarkeit entsteht in nur einem wort und wie du es wählst und wie es sich zeigt in nur einem wort und wie es sich legt und nichts verzeiht” [..] (“yeti”). Die Texte liegen zumindest in meiner Promo-Version in einem extra-Heftchen samt Band-Biografie abgedruckt bei - als Fließtext. Schon bei “Havarien” habe ich genussvoll mitgeschrieben, was Spindler da diktiert hat; diese gedichtartigen Sprachkonstruktionen sind einfach toll und spannend. Den Code - falls es ihn den gibt - wird man auch mit dem Heftchen nicht entschlüsseln können, aber es fällt doch leichter, die Inhalte zu verstehen - jeder auf seine Art und Weise.
Natürlich muss man nach wie vor Zeit investieren, um seine Antennen irgendwie an die Delbo-Frequenz zu gewöhnen. Man muss sich eben die Ruhe nehmen und dem Album zuhören, auch mal die Texte zur Hand nehmen und überlegen. Dann jedoch kann man sehr viel gewinnen von dem Berliner Trio, das mittlerweile über ein beachtliches Netzwerk verfügt. Die prominenteste Verbindung lässt sich sicher zwischen Gitarrist und Produzent Tobias Siebert zu dessen Projekt Klez.e spannen, aber auch Schlagzeuger Florian Lüning hat schon mit Kate Mosh, Virginia Jetzt!, Samba und auch Phillip Boa gearbeitet. Sänger und Bassist Spindler begleitete zuletzt u.a. die Postrock-Band Seidenmatt/SDNMT und arbeitete bei JN Fischer Enf..
An “Havarien” kann dieses Album für mich nicht ganz heranreichen, weil dieser Schock, den die erste richtige Berührung mit Delbo bei mir ausgelöst hatte, natürlich nicht mehr wiederholt werden kann. Trotzdem muss man sagen, dass es eine interessante Weiterentwicklung des Stoffes ist und seinen Vorgänger auf formaler Ebene sogar zu überbieten weiß. Denn es gibt mehr Instrumente, mehr Gitarreneffekte und auch Spindlers großartige Stimme schaltet - bei allem Minimalismus - verschiedene Gefühls-Facetten ein. Es riecht nach Frühling - dank Delbo.

Als literarische Ergänzung empfehle ich den Text "Die Vollendung der Liebe" von Robert Musil, erschienen in "Vereinigungen" oder der nächstbesten Gesamtausgabe eurer Bibliothek.

K. Haller
titel
01 piamo | 02 apricot | 03 moto | 04 hermelin | 05 yeti | 06 belvedere | 07 in zierden | 08 souvenir | 09 polo
Release: 25.01.08 bei Loob
|http://www.loobmusik.de/|
Künstler-Homepage: http://www.delbomat.de
cover
Bewertung:
4/5