amie Stewarts Projekt Xiu Xiu veröffentlicht im sechsten Jahr des Bestehens das sechste Album: “Women As Lovers”. Diese produktive Formation, die bis auf Stewart immer wieder Wechsel vollzieht, lässt sich nur schwer in Genre-Grenzen einordnen; Wikipedia nennt mit “Art Rock, Experimental music, Post-Punk, Indie” gleich vier Schlagwörter. Genialer Eklektizismus, schwierige Schönheit, an die Nerven gehendes Wühlen wechselt sich mit zärtlicher Seelenoffenbarung ab - ich weiß es auch nicht.
Der Titel von Xiu Xius neuer Platte greift den Titel des Jelinek-Romans “Die Liebhaberinnen” auf: Die “marxistisch-feministische Karikatur eines Heimatromans” (wiederum Wikipedia) wurde 1994 unter dem Namen “Women As Lovers” in englischer Übersetzung veröffentlicht. Das Prinzip ist ja klar - man gibt zwei Dingen den gleichen Namen und lässt den Rezipienten so fast automatisch nach gemeinsamen Merkmalen der Dinge suchen. Obwohl ich gestehen muss den Roman nicht gelesen zu haben, kann ich mir anhand meines Bildes von Jelineks Werken vorstellen, wo hier der Verbindungspunkt sein könnte. Die gefesselten Körper im Artwork geben da erste Indizien, Titel wie “In lust you can hear the axe fall” machen die Verbindung von Gewalt und Erotik explizit.
Stewart war bisher bekannt dafür, seine Werke stark autobiographisch einzufärben - das lässt sich anhand seiner Lebensgeschichte und einer gescheiten Lied-Interpretation einigermaßen belegen. Auf “Women As Lovers” jedenfalls schaut er in die Abgründe der menschlichen Seele, ohne sich jedoch selbst dauerhaft in die Tiefe zu begeben. Reichlich Percussions machen das Hören dieser Platte zu einem Trip, den man hinterher mit drei Kreuzen abschließt - trotzdem steht man tags darauf wieder am Start und drückt auf play. Wie die erotische Perversion macht auch Xiu Xius Musik süchtig: Die in den zunächst als Lärm empfundenen Stücken tief versteckte Schönheit zu entdecken ist die Motivation; belohnt wird man immer wieder.
Da lassen sich Anspielungen auf inzestuöse Beziehungen entdecken (“Black keyboard”), die Gewalt amerikanischer Soldaten gegen Kriegsgefangene findet einen Platz im “Guantanamo canto” - und das lyrische Ich berichtet gerne aus weiblicher Perspektive:
”salute your rage, a hammer
beat upon me, crumble me as powder
wipe me off of the uniform
its the same blood that you loved
i don’t think that you are a fool
but you cannot deny me as a woman
oh ensign, i was your woman” (“The leash”)
Die schwierigen Texte lassen selten eine schlüssige Gesamtinterpretation zu; in Textfragmenten kann man aber Sinn erkennen. Die Themen passen auf jeden Fall perfekt zu Stewarts heiserer, luftarmer Stimme und der sehr freien Umsetzung der Songs. Vorlieben für allerlei Schlagwerk (wie die angesprochenen Percussions und diverse Glocken, aber auch elektronische Beats) lassen sich erkennen - ansonsten reicht die Spannweite von free jazz-Bläsern zu klassischen Bandinstrumenten wie Bass und Gitarre. Akkordeon, Harmonium, Synthesizer, Mandolinen, Vibraphone - jeder Klang wird so gut eingepasst, dass er im großen Ganzen aufgeht.
Von besonderem Interesse ist das Stück “Under pressure” - ein Cover des Songs von Queen und David Bowie bei dem Michael Gira als Gastsänger einspringt. Auch Coralee McElroy lässt hier einmal mehr ihre famose Stimme erkling; es kommt dabei der wohl am leichtesten zugängliche Song auf “Women As Lovers” heraus.
Xiu Xiu verdienen es, dass man ihnen richtig zuhört - und es lohnt sich. Die Musik ist durch ihre grenzenlose Freiheit charakterisiert, bleibt aber im Bereich des gern Hörbaren und vermag dabei an tiefsten Empfindungen zu rühren.
Das schafft kaum ein anderer Musiker so gut wie Jamie Stewart / Xiu Xiu: Er nimmt sich der Herausforderungen unserer Zeit auf formaler wie inhaltlicher Ebene wirklich an.











