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"Dig, Lazarus, Dig!!!" von Nick Cave And The Bad Seeds
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"Dig, Lazarus, Dig!!!" von Nick Cave And The Bad Seeds

ier Jahre nach dem sanften Doppelalbum “Abattoir Blues/The Lyre of Orpheus” steht wieder ein neues Nick Cave-Album in den Regalen. Der Mann aus Australien ist mittlerweile 50 Jahre alt und wirkt äußerlich (cooler Schnauzbart) wie stimmlich diesem Alter würdig. Wie viele Reinkarnationen hat dieser Mann schon erlebt? In den 80ern rebellierte er drogensüchtig durch Berlin, in den 90ern sah man ihn mit mystischer Aura (und Charterfolgen), jetzt legt er nach dem Grinderman-Debüt die zweite Platte mit Rückbesinnung auf die härtere Gangart nach.

Es wäre aber ziemlich dämlich zu behaupten, Cave würde nichts mehr einfallen und deshalb auf Altbewährtes zurück greifen. Sein neues Image steht ihm gut - der Typ weiß sich einfach richtig gut zu verkaufen, da kann auch das Alter bislang nichts dran ändern. Er ist sogar so gut, dass er einem an religiösem Hokuspokus desinteressierten Agnostiker wie mir seit Jahren Geschichten von Gott und der Welt verkaufen kann. Nicht nur bibelfesten Freunden der Rockmusik verrät schon der Titel des mittlerweile 14. Albums von Nick Cave & The Bad Seeds, dass Spiritualität auch weiterhin Inspiration für den Meister ist. “Dig, Lazarus, Dig!!!” verweist im gleichnamigen Opener auf die Geschichte des Lazarus, seines Zeichens Experte für Sterben und (von Jesus Christus) wieder ins Reich der Lebenden zurück geholt werden. - Was übrigens angesichts der Tatsache, wie viele andere Künstler schon so auf dieses schöne Motiv zurück gegriffen haben, gar nichts ungewöhnliches ist.

Bei Cave jedenfalls hat es dieser Lazarus ganz schön schwer, weil er als “Larry” durch die USA pilgert und am Ende “like so many” auf den Straßen von New York City endet: ”In a soup queue, a dope fiend (a slave), then prison, then the madhouse”. Die Karriere wird mit dem sarkastischen Background-Chor begleitet: ”Dig yourself, Lazarus, dig yourself back in that hole”. Oh weh.
Diese Geschichte wie auch die zehn anderen auf “Dig, Lazarus, Dig!!!” trägt Cave vor allem mit seiner Stagger Lee-Stimme vor, die man wohl nur durch einige Jahren Eremitendasein in der Wüste lernen kann oder halt im Blut hat. Die Musik wird dominiert von Bass, Schlagzeug und Gitarre - allem, was man braucht im Leben. Keine Klavierballaden, keine Gospel-Chöre (wie noch auf “Abattoir Blues/The Lyre of Orpheus”), kein Elektro-Gedöns. Ruhiger geht es zwischendurch aber trotzdem mal zu, so z.B. in dem schönen “Jesus Of The Moon” mit Streichern und Flöte. Nick Cave besetzt seine Songs auf “Dig, Lazarus, Dig!!!” mit den klassischen Rock-Elementen - und ist dabei doch anders. Der Vorschlag des “Midnight Man” (”Everybody’s coming around to my place”) klingt eher unheimlich als nach fröhlichem Exzess. Dazu passt das Lied von der kleinen Janie, die von einem lüsternen Sandmann träumt und zwischendurch ”We’re gonna have a real cool time” ruft - man weiß nicht so richtig, ob es jetzt tatsächlich schlüpfrig gemeint ist, ob das “C’mon” am Ende wirklich eine Einladung sein soll (“Today’s Lesson”).

Da ist unter der Oberfläche einiges am Kochen; der Refrain aus “Dig, Lazarus, Dig!!!” bringt es auf den Punkt: ”I don’t know what it is, but there is definitely something going on upstairs”. Auch dem Allerletzten wird klar, dass hier etwas nicht stimmt mit dem Partykracher, wenn “More New From Nowhere” als Abschlusstrack ertönt, in dem Cave in gefühlten 15 Minuten durch die Gegend irrt und von seinen “friends in high places” erzählt. ”Don’t it make you feel so sad / don’t the blood rush to your feet / to think that everything you do today tomorrow is obsolete / technology & women & little children too / don’t it make you feel blue / for more news from nowhere / goodbye goodbye goodbye”.

Bei allen angestaubten Anspielungen von der Bibel bis zu Freud sitzt Nick Caves Musik sattelfest in der heutigen Zeit - auch, wenn er die “alten” Instrumente derzeit bevorzugt. Verdammt, er hat es einfach drauf.

K. Haller
titel
01 Dig, Lazarus, Dig!!! | 02 Today's Lesson | 03 Moonland | 04 Night Of The Lotus Eaters | 05 Albert Goes West | 06 We Call Upon The Author | 07 Hold On To Yourself | 08 Lie Down Here (And Be My Girl) | 09 Jesus Of The Moon | 10 Midnight Man | 11 More News From Nowhere
Release: 29.02.08 bei Mute
|http://www.mute.de/|
Künstler-Homepage: http://www.nickcaveandthebadseeds.com/
cover
Bewertung:
5/5