ettes Brot haben drei Jahre nach „Am Wasser gebaut“ ein neues Album auf den Markt gebracht – und das ist mal wieder gleich auf Platz drei der Charts eingestiegen. Längst muss man sich im Hause Brot mit Vorwürfen herum ärgern, die Musik sei längst kein HipHop mehr. Kein Wunder, dass die drei Hamburger auf dem Cover von „Sturm und Drang“ gegen einen Windradpfeiler anpissen. Wenn man aber nach den Soul- und Latin-Anleihen der letzten Platten wirklich ein musikalisches Codewort für Fettes Brot sucht, sage ich diesmal: „Electro“.
Das ist schon klar, seit die Single „Bettina, zieh dir bitte etwas an“ auf den Markt gekommen ist. Beat made by Modeselektor - derzeit richtig heißer Techno-Scheiß aus Berlin. Die Synthese bekommt den Broten auch außerordentlich gut, weshalb man den genannten Song prima feiern kann. Gleiches gilt für den Opener „Lieber verbrennen als erfrieren“, der mir ein Basement Jaxx-Sample erfolgreich zu verwursten scheint; auch das Preislied auf große Ärsche, „Erdbeben“, lässt mich im Club ganz vorne dabei sein.
“ Früher musste ich nach Nacktbildern von heißen Frauen noch richtig suchen. Heute ist das dank Internet kein Problem mehr.“ (Dokter Renz)
Ich muss auch sagen, dass ich kein Problem darin sehe, wenn (Ex-)Rapper mit Mainstream-Produktionen Erfolg haben – vor allem wenn die Beats so fresh sind wie auf „Strom und Drang“. Okay ist auch die Art des Trios, die eigenen Texte mit moralischen Impfungen zu versehen, zumal das meist ganz einfach sehr gut gelingt. Hinter „Bettina“ steckt ja eine ernsthafte und mit Selbstironie verbackene Hymne für die Generation „Oversexed & Underfucked“. Und hinter dem „Erdbeben“ lauert die Freude an fleischbestückten Gesäßen – ein angesichts der Hungerkultur einiger Promi-Weibchen sinnvoller Einfluss auf die Jugend.
Vielleicht haben Dokter Renz, König Boris und Björn Beton ihre pädagogische Ader entdeckt, weil sie mittlerweile deutlich über dreißig hinaus sind. Auf jeden Fall kommen auch „Der beste Rapper ist offensichtlich ich“ und „Automatikpistole“ auf die moralische Tour. Die Songs rechnen mit Kollegen ab, die sich an Gewaltmetaphern erfreuen („Sie reden von Hass, aber wir wollen Frieden. Sie ziehn in den Krieg, Alter, laßt uns zufrieden.“). Das gelingt Boris in „Automatikpistole“ auch wirklich eindrucksvoll – ich bekomme bei den Zeilen
“Ich hoffe, dass ihr verschwindet
Und euren Scheiß keiner mehr sendet.
Denn diese Welt braucht mutige Männer, die genau wissen, ja, dass echte Gefühle zu fühlen niemals eine Schwäche ist.
Und die Gefühle zu zeigen - das Lachen, das Flehen, das Heulen, das Schreien - das ist Hardcore und nicht lächerlich.
Sich halten, um nicht hinzufallen, Frauen, denen es nicht reicht, reich und dünn zu sein.
Es geht um Herz und um Wärme zu geben
Und darum gerne zu leben.
ehrlich eine Gänsehaut. „Der beste Rapper ist offensichtlich ich“, das schon im Refrain die mangelnden Deutsch-Fähigkeiten der Adressaten thematisiert, ist dagegen locker und spaßig gelungen („Ein Gruß an alle meine Rap-Kollegen / gibt gar keinen Grund sich aufzuregen / doch jetzt wollt ihr sicher den Arsch bewegen / aus meiner Sicht spricht nichts dagegen“). Dabei stellt sich natürlich auch folgende Frage: Ist Fettes Brot eigentlich bewusst, dass der Erfolg von Labels wie AggroBerlin auch darauf zurückzuführen ist, dass deutscher HipHop zu lange mit Songs wie „Die da“, „Jein“ oder „Liebeslied“ um die sozialen Brennpunkte herumgeredet hat? Anscheinend schon. Dass Fettes Brot auch sozialkritische Themen in ihre Songs einbauen können ist ja schon länger bekannt – auf „Strom und Drang“ haben sie es wieder getan. Im „1€ Blues“ geht es um Niedriglohn-Jobber (“Was'n das fürn Lohn? / Der blanke Hohn. / Ihr Weiber habt's gut, euch bleibt immer noch die Prostitution.“); „Ich lass dich nicht los“ (zusammen mit Pascal Finkenauer) berichtet ein Verbrechen aus der Ich-Perspektive eines Stalkers und hat für mich einen ähnlich gruseligen Effekt wie Falcos „Jeanny“. Einmal mehr Gänsehaut. Ein wirklich überzeugendes Feature liefert übrigens Mieze von Mia auf „Das traurigste Mädchen der Stadt“ ab.
Der Albumtitel spielt ja auf die literarische Epoche des Sturm und Drang an, die dem Gefühl oberste Priorität einräumte und mit den Konventionen der vorherigen Poetik brach. Ganz so ist es natürlich nicht bei „Strom und Drang“ und es wäre dann aber auch zu leicht, alles an diesem Album gelungen zu nennen. Das rockigere „Das allererste Mal“ mit Bernadette La Hengst ist für mich definitiv ein Track zum Skippen. Auf die Dauer ist es auch ziemlich anstrengend, dem Triumvirat beim Singen zuzuhören, besonders im soullastigen „Schieb es auf die Brote“. Der Schlusssong „Hörst du mich“ ist etwas dünn geraten, auch, weil sich mir selbst bei wiederholtem Darübernachdenken nicht so richtig der Sinn der Geschichte erschließt (Marvin Gaye, Sophie Scholl und ein unbekannter Trinker namens Herbert werden angesprochen: (“Herbert hörst du mich, wir langweilen uns fürchterlich ohne dich“). Helden kann man auch abseits der Flimmerkiste finden, okay.
Für mich hat das alles nichts mit Gymnasiasten-Rap, Sprachpolizei oder selbstverliebter Moralapostelei zu tun. Selbstverständlich dürft ihr das anders sehen. Ich denke aber, dass wir am Ende doch alle zumindest ein bisschen froh sind, dass es Fettes Brot gibt.











