s ist erstaunlich, welche Kraft in diesem kleinen, glatzköpfigen Moby steckt. Veganer ist er und verzichtet erfolgreich auf Drogen inklusive Alkohol und Tabak — trotzdem feiert er die Nächte durch, denkt sich kluge Aufsätze zu Politik und Gesellschaft aus und macht Platten, die man am Besten im ganz großen Rudel konsumiert. Das neue Album “Last Night” setzt an diesen Punkten ziemlich nahtlos an.
Nach dem überraschend Songwriter-mäßigen “Hotel” ist Moby wieder ein paar Schritte zurückgegangen. Bei der Recherche auf youtube.com läuft man ja zwangsweise seinem richtig großen Hit “Why does my heart feel so bad” über den Weg, das poppige, elektronische Beats mit gesampletem Gospelgesang kombinierte. Das Faszinierendste an diesem schönen Song war und ist für mich, dass bei den Gesangssamples noch so komische Geräusche nebenbei mitschwingen. Hört’s euch vielleicht mal wieder an, dann merkt ihr sicher was ich meine.
Auf jeden Fall greift “Last Night” diese Techniken wieder auf. Die Musik ist leicht zu konsumieren, verfügt aber auch über den nötigen Tiefgang. Das liegt auch daran, dass man mit den Songs eine Reihe von Musikern entdeckt, die Moby als Gäste eingeladen hat. Einer davon hat mit seinen Reimen für den Song “Rapper’s Delight” Geschichte geschrieben: Grandmaster Caz. Er vertritt in “I Love To Move In Here” den Old School Rap. Der Track markiert gemeinsam mit dem Opener “Ooh Yeah” einen Anfangspunkt im doppelten Konzeptalbum “Last Night”: Einerseits greift Moby viele Musikstile der New Yorker Szene der letzten 30 Jahre auf — andererseits spannt die Platte dem Titel entsprechend einen ziemlich lockeren Bogen vom Schönmachen vor der Party bis zum Sonnenaufgang am nächsten Morgen. 419 Crew und Aynzli vertreten die New School in der ersten Single “Alice”, die mit den Zeilen ”This is the right world, this is the wrong world / This is the one world, this is the third world” einen von vielen kritischen Kommentaren zur heutigen Zeit dabei hat.
Schwerpunkt des Albums ist aber nicht der Rap, sondern der Rave. „Ich komme mir schon wie ein Evangelist der großen, piano-getriebenen Rave-Hymne vor“ sagt der gläubige Christ Moby (der das moderne Christentum trotzdem gerne kritisiert) selbst dazu. Das atemberaubende “The Stars” zählt genau wie “Everyday It’s 1989” zu den Tracks, die beim sommerlichen Rave von hunderttausenden, tanzenden Füßen synchronisiert werden können. Hier, aber auch bei “Live For Tomorrow” und der grandiosen zweiten Single “Disco Lies” vertraut Moby den unheimlich-souligen Diva-Stimmen, die er wie im Fall der algerischen Gastsängerin auf “Hyenas” auch mal in den städtischen Karaoke-Bars aufspürt und einsammelt. Seine Nase für schöne Samples hat er auf jeden Fall nicht verloren. Auch nach wie vor im Spiel sind tonnenweise Streicher, die die Tracks mit schwerem Pathos aufladen. Meist simpel gehalten, aber effektiv. Das im Prinzip wahnsinnig einfallslose "Mothers Of The Night" treibt es da kurz vor Schluss fast zu weit.
Moby ist ein kluger und guter Musiker, von dem man aber zumindest in 2008 Mainstream-Dominanz ebenso wenig
wie die subkulturelle Revolution eines Genres erwarten darf. “Last Night”, die moderne Hommage an das musikalische (Nacht-)Leben New Yorks, hat er gut gemacht, aber natürlich ist das Album eher ein Blick nach hinten als nach vorne. Betrachten wir Moby einfach als einen verlässlichen Beobachter des Zeitgeschehens, mit dem man prima Partys feiern und ansatzlos diskutieren kann.











