ndlich: „The Devil, you + me” ist das erste Notwist-Album nach dem bahnbrechenden „Neon Golden”. Mit dem Album nach DEM Album tun sich Fans und Kritiker ja meist schwer. Zu gerne reduziert man es auf die Frage, ob die Band den erfolgreichen Stil fortsetzt oder sich neu erfindet. Diese Gefahr droht bei The Notwist nicht.
Formal ist „The Devil, you + me” ganz anders gemacht als sein Vorgänger, ich fand es zunächst vor allem schroffer. Schon die erste Single „Where In This World” hat vielleicht manchen Fan verschreckt. Beim Opener „Good Lies” ist mir vor allem aufgefallen, wie unnatürlich Markus Acher „remember” singt, als wäre es eine einzige Silbe. Auch „Gloomy Planets” findet keinen vergleichbaren Partner auf „Neon Golden”; es beginnt ganz einfach zu roh. Es dominieren Gesang und akustische Gitarre; ist die Aufnahme so schlecht oder haben sie das gut hörbare Metronom mit Absicht im Song gelassen? Die Frage stellt sich natürlich nur ganz kurz, denn die Antwort ist klar.
Bald erkennt man dann auch: Die drei wichtigen Säulen, die typisch für The Notwist sind und auf „Neon Golden” perfekt harmonierten, bilden auch hier wieder die Grundlage. Die Band macht einen wahnsinnigen Spagat zwischen Experiment und Catchiness. Eigentlich unglaublich, was für eine Vielfalt an exotischen Geräuschen und unorthodoxen Beats zugemutet werden – trotzdem ist es verständliche, schöne und irgendwie eingängige Musik. Mit dieser ganz eigenen Ästhetik machen The Notwist aber nicht einfach nur ihr Ding, denn jetzt kommt die dritte große Variable: An zahlreichen Stellen finden sich interessante Anknüpfungspunkte, die den Bezug zum (popkulturellen) Kontext herstellen.
Schon der Titel ist uneindeutig: Muss man “The Devil, you + me” wirklich als Aufzählung lesen? Das Artwork verbildlicht die eigene Position: Eine Person steht in einem Gewässer, umgeben von Vögeln. Das Bild könnte man so ähnlich in einem alten Biologie-Schulbuch finden, denn die Tiere sind mit Nummern versehen, die man in einer Tabelle nachsehen und so den Namen der Tierart bestimmen kann. Die Welt wird in Modellen vereinfacht; mit Symbolen auf die Originalobjekte verwiesen. Sprache ist auch so ein Modell. Voraussetzung dafür ist aber natürlich, dass man sich auf einen Code einigt, mit dem die Symbole entschlüsselt werden können.
Genau diese Legende aber fehlt auf dem Cover – und ähnlich ratlos steht man auch der Musik und ihren Paradoxien gegenüber. Der Text von „Alphabet” („I won't sing your algebra / I won't sing your alphabet / I won't sing anything / I won't sing hilarios / as i hum”) macht eigentlich genau das gleiche wie das Coverbild: Das Ich will sich kulturellen Codes wie dem Alphabet verweigern und bedeutungstragende Sprache gegen Summen eintauschen. Diese Aussage wird uns aber sprachlich mitgeteilt – das ist paradox, wie Sokrates’ Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß”. Prägnante Zeilen wie „Let’s just imitate the real / Until we find a better one” oder „Remember the good lies win” aus dem Opener „Good Lies” passen bei näherer Betrachtung hervorragend dazu.
The Notwist werfen Fragen auf, indem sie unsere Vorstellungen von der Realität gekonnt zerschneiden. Sie dekonstruieren, und das meist sehr schön. Das ist die große Kunst: Eine aktuelle Methode, die eigentlich aus Wissenschaft und Avantgarde stammt, macht alleine kein großes Album. Man muss sie mit Hingabe anwenden und die Ästhetik sollte nicht unter ein intellektuelles Kreuz geraten. Diesen Vorwurf darf man „The Devil, you + me” zwar ganz leise machen. Dennoch ist es eine Riesenleistung, wie genial The Notwist wieder einmal Anspruch, Schönheit und Innovation miteinander abgestimmt haben. Beigetragen haben dazu auch diesmal wieder Produzent Olaf Opal und Mario Thaler.
Bei den Festivals werden The Notwist die nächtlichen Slots bekommen. Dann kann man mit dem Finger wahlweise auf die Bühne oder den Himmel zeigen und sagen „I see the planets spinning faster / Or is it my body too slow / I don't know, I don't know” („Gravity”).











