it „When Life Gives You Lemons, You Paint That Shit Gold“ haben Atmosphere das Undenkbare geschafft: Das Rap-Album, das nicht weiter entfernt sein könnte von dem, was heute als cool gilt, ging von 0 auf 5 in den Billboard 200-Charts. Was ist das für ein Album der Jungs aus Minneapolis, das total unspektakulär ist, das durchgehend zwischen Nachdenklichkeit und Melancholie schwebt – und dennoch kommerziell erfolgreich ist?
Obwohl Atmosphere auf Rhymesayers Entertainment, dem Label der rappenden Atmosphere-Hälfte Slug, veröffentlichen und somit keinen Major oder Def-Jam-Strategen am Start hatten, haben sie sich eine clevere Marketing-Aktion überlegt. Anfang 2008 stellten sie ihr Album „Stricly Leakage“ für lau ins Netz und das war definitiv kein hingeschissenes Mixtape! Damit sind sicher eine Menge neuer Leute erreicht worden, die dann auch mitbekommen haben, dass es bald was Neues zu kaufen gibt und sich vielleicht durchs Albumkaufen nachträglich bedanken wollten. Aber obwohl der sehr rührige Slug mit seinen rund fünfzigtausend Projekten eine beachtliche Medienpräsenz aufgebaut hat, blieb er dann doch Underground-Rapper und hierzulande auch eher Geheimtipp. Vor Album-Release wurden keine Journalisten mit Alben bemustert, sondern durften zu persönlichen Listening-Sessions kommen. Und schließlich haben Atmosphere sich beim Artwork auch nicht lumpen lassen: Die Standard-Version ist ein komplett goldenes Digipak mit umfangreichem Booklet. Außerdem gibt es eine limitierte Hardcover-Version mit DVD und Buch.
Aber was geht jetzt mit der Musik? Das komplette Album folgt einem ganz bestimmten Klang. Die Beats sind extrem spartanisch. Meist gibt’s nur ein paar Piano-Töne, mit einer Snare oder so. Andere Melodieinstrumente sind noch E-Gitarre und hier und da Synthies, die allerdings auch ziemlich trocken daherkommen und eine sterile 80ies-Atmosphäre schaffen. Die Basslines (falls es welche gibt) sind von Hand eingespielt und haben ebenfalls sehr wenig Volumen. Timbaland ist anders. Auch wenn sich das jetzt nicht besonders sexy anhört, hat Beatbastler Ant gemeinsam mit den Gastmusikern einen einzigartigen Sound geschaffen, der berührt und Slug hervorragend in Szene setzt – denn das was der Mann auf diesem Album macht, braucht viel Raum.
Mit seinen grandiosen Rap-Skills zeigt Slug über die minimalistischen Instrumentierung, was für eine Schönheit „Sprechgesang“ an sich haben kann. Seine unheimlich angenehme Stimme segelt durch die Zeilen, mal singend, mal flüsternd, mal laid-back und mal mit hoher Geschwindigkeit rappend.
Thematisch dreht es sich gemäß der Widmung „dedicated to all dads“ um Vater-Kind-Beziehungen, ums Erwachsenwerden und um Einsamkeit fern der Eltern. Als einer der größten Storyteller der Rap-Gegenwart nähert sich Slug in kleinen Geschichten aus vielen verschiedenen Perspektiven seinen Themen.
Und das passiert hier überhaupt nicht so öde, wie man es vom deutschsprachigen Reality-/Conscious-Rap kennt und leid ist. Slug macht das spannender, überraschender und oft auch nicht oft Witz. „The Waitress“ beginnt mit den Zeilen „A city full of people and my favorite is that waitress / and she treats me like some type of common vagrant“, fährt fort mit einigen Gedanken zur Kellnerin und wie er von ihr zurückgewiesen wird und endet schließlich mit „In the café bathroom drinking free tap water / thinkin’ damn I shoulda been a better father to my daughter.“ Die tatsächliche Beziehung zur Kellnerin bleibt also bis zur letzten Zeile im Dunkeln.
Das großartige „Your Glasshouse“ zeigt die abgefuckte Seite vom sonst eher gepriesenen Partyleben. Dabei geht es aber überhaupt nicht darum Partys an den Pranger zu stellen. Vielmehr soll hier eine Form von Einsamkeit skizziert werden, die sonst oft übersehen wird: Dass exzessives Feiern manchmal auch nur eine Flucht vor Einsamkeit und der nächste Morgen auch nicht immer sehr glorreich ist.
Bei mir ist es lange her, dass ich bei einem Album sämtliche Texte mit Spannung mitgelesen hab. Und das mehrmals. Deswegen will ich jetzt auch nicht jeden Track in zwei Zeilen pressen, zumal da eh die vielen Nuancen auf der Strecke bleiben und die kleinen Details, mit denen Slug so konkrete Bilder zeichnet, auch nicht wiedergegeben werden können.
Denn die Erfahrung dieses Album zu entdecken wünsche ich jedem. Es ist Gold wert.










