uf ihrem dritten Longplayer nehmen Booka Shade die Herausforderungen des Album-Formats an - konsequenter denn je. Mit “The Sun & The Neon Light” spielen sie endgültig in der Liga, in der electronic acts weniger reine Club-Musik machen als vielmehr Musik über Clubs. Diesen Pop-Anspruch spürt man von der ersten Note an.
Der erste Ton ist nämlich den Streichern des Deutschen Filmorchester Babelsberg vorbehalten, die das eröffnende “Outskirts” nicht nur untermalen, sondern richtig prägen. Es wächst sofort das dringende Bedürfnis, einen Film zu diesem Track zu drehen. Schon das sonst so uninteressante Geschehen vor dem Fenster meiner an einer großen Straße gelegenen Wohnung gewinnt durch “Outskirts” massiv an Erhabenheit. Für mich immer ein Hinweis darauf, dass ich mit dieser Musik noch sehr viel Freude haben werde.
Die meisten Songs auf “The Sun & The Neon Light” werden dieser Vorfreude dann auch gerecht. Walter Merziger und Arno Kammermeier aka Booka Shade haben ihren Sound grundlegend erweitert. Wo die Vorgängeralben “Memento” und “Movements” wie frisch aus dem Laptop gepellt klangen, steckt in der neuen Platte ein unerhörtes Mehr an Texturen, die sich gekonnt in Breite und Tiefe ausdehnen. Minimal-Fetischisten werden enttäuscht sein, aber Booka Shade zollen mit dieser Herangehensweise auch den Ansprüchen ihres heterogenen Publikums Tribut. Die Arbeit zu “The Sun & The Neon Light” begann während ihrer “Movements”-Welttournee, die schon längst nicht mehr nur das typische Dance-Publikum anzog. Das lässt sich schon an den frühen Uhrzeiten ablesen, zu denen die Booka Shade-Konzerte mittlerweile beginnen. Warum also nicht ein Album für alle machen?
Auch das thematische Konzept kommt dem Hörer auf dem Wohnzimmersofa entgegen. Es geht um Clubkultur: Das klassische “release me” ist verwandelt worden in ein “control me”; in der “Solo City” ist man auch unter der feiernden Masse einsam; die “Sweet Lies” können dich wenigstens für einen Song dem Alltag entreißen. Da steckt also wirklich Stoff drin, über den man nachdenken kann. Zaghafte Zitate verstärken diesen Eindruck. Wie kommt das Blues-Riff in “Dusty Boots”? Wie ist die White Stripes-Anspielung in “Sweet Lies” zu verstehen?
Die größten Fragen stellt mir aber der Gesang. Natürlich ist es nur konsequent, dass Booka Shade in gleich vier Songs auf echte Vocals zurück greifen, also keine Computerstimmen und keine verfremdeten Samples. Die Stimme klingt aber jeweils so schwach, dünn und körperlos, als wollte sie sich hinter den anderen Klängen verstecken. Das widerspricht natürlich der Erwartung, die man gemeinhin an einen Sänger hat. Ich brauch’ ja nicht unbedingt eine Frontsau, die mir die Lyrics synchron zum Song vorturnt, aber ein wenig mehr Charakter würde der ganzen Sache doch sehr gut tun. Vielleicht war es die Intention von Merziger und Kammermeier, dass der Geistergesang eine unheimliche Wirkung abstrahlt und so der düsteren Grundstimmung des Albums entspricht. Falsch gedacht.
Das ist aber auch so ziemlich der einzige Kritikpunkt, den man hier aufmachen kann. Stattdessen lobe ich lieber noch ein bisschen, z.B. die Produktion. Herauszuheben wäre da “Redemption”: Der einzige Track auf “The Sun & The Neon Light”, den man so richtig feiern kann. Booka Shade verstehen es, mit bunten Inhaltsstoffen mundgerecht zu füttern - als wären es reife Früchte, die aber beim Reinbeißen eben nicht ihren Saft auf Lippen, Gesicht und Klamotten verspritzen. Der Gegenspieler zu “Redemption” nennt sich “Comacabana” und sollte eher dem psychedelischen Absacken nach der Party dienen. Spätestens wenn ihr euch mitten in “Comacabana” plötzlich fragt, warum eure Heizung auf einmal so laut klopft, werdet ihr mir zustimmen, das Merziger/Kammermeier die Tricks und Kniffe einer guten Produktion einfach drauf haben.
Booka Shade sind mittlerweile großes Kino, das auch noch spannende Fragen zu stellen vermag. Die zweite CD mit speziell angefertigten Dance-Edits in der Limited Edition ist da natürlich die ideale Ergänzung. Ansonsten täte vielleicht ein Gastsänger, der sich auch mal ein bisschen in den Vordergrund drängelt, ganz gut.











