enn Soul Jazz Records seine absolut geschmackssicheren Musikhistoriker von der Leine lässt, kommen zum einen gute Releases bei raus, zum anderen ist das aber auch eine Art Ritterschlag für besonders einflussreiche Künstler. Das ist bei den Ragga Twins definitiv der Fall und es wurde mehr als Zeit, dass ihr alten Tracks neu aufgelegt werden.
Die Ragga Twins kann man nicht nur wegen der Geschwister-Sache mit den Stieber Twins vergleichen. Ohne Stieber Twins würde die Geschichte des deutschen Hip-Hop völlig anders aussehen. Schon in den 80ern haben die Brüder die Weichen für Deutschrap gestellt, was bis heute von Szenekennern absolut gewürdigt wird, auch wenn der riesige kommerzielle Erfolg ausblieb und die meisten Kids die Jungs gar nicht mehr kennen. Die Ragga Twins wiederum haben ebenfalls in den 80ern angefangen, insbesondere als MCs, Musik zu machen. In London beheimatet gehörten sie zu den allerwichtigsten Musikern, die Ragga so weiterentwickelten, dass da Jungle draus wurde. Das war so um 1990. Ragga-typisches Toasting auf schnellen gebrochenen Beats und massiven Basslines. Jungle startete dann in den frühen 90er mächtig durch und immer mehr Chartplatzierungen sorgten für Diskussionen, ob Jungle bald Mainstream wird. In dieser Zeit verschwanden die Ragga-Wurzeln im Jungle immer mehr, insbesondere das Toasting – und damit auch (trotz noch ein paar, weniger bahnbrechender Releases) die Ragga Twins. Aus dem Erbe der Ragga Twins entwickelte sich in den darauf folgenden Jahren noch so einiges, nicht zuletzt Drum’n’Bass.
Die wichtigsten Releases der Ragga Twins wurden insbesondere 1990 bis 1992 auf Shut Up And Dance veröffentlicht und sind mittlerweile alle vergriffen. Die Compilation, die auch so eine Art Best Of ist, macht es also endlich möglich, die alten Sachen wieder zu hören. Vom 1991er-Album „Reggae Owes My Money“ sind acht von zehn Tracks entnommen, der Rest erschien auf 12“, die die Ragga Twins in ihrer Hochphase fast im Monatstakt auf den Markt schmissen.
Trotz der kurzen Zeitspanne, die auf Ragga Twins Step Out abgebildet ist, zeigen die Tracks die Vielseitigkeit des Duos. Dies rührt einfach daher, dass hier exakt der Moment eingefangen wird, in dem sich jamaikanischer Ragga zu englischem Jungle entwickelt hat.
Im Track „Ragga Trip“ steht noch das Toasting völlig im Vordergrund, die Beats sind noch ganz ungebrochen – kein Amen-Break weit und breit. Anderes Extrem sind „18“ Speaker“ oder „Wipe The Needle“, die ganz ohne Vocals auskommt, doch dafür totalen Rave-Charakter hat.
Es ist wirklich völlig erstaunlich wie sehr diese Tracks nach bald 20 Jahren noch immer diese irrsinnige Energie haben und die Aura des Revolutionären immer noch zu spüren ist. Stefan Zweig hat mal ein Buch geschrieben mit den Titel „Sternstunden der Menschheit“, indem er eine Hand voll kurzer Momente der Menschheitsgeschichte eingefangen hat, die wegweisend waren für die weitere Geschichtsschreibung. Gäbe es ein solches Buch für die Musikgeschichte, wäre diese CD auch ein Kapitel. Als Quintessenz der Ragga Twins.










