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"At Night, Under Artificial Light" von Ginormous
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"At Night, Under Artificial Light" von Ginormous

inormous find ich gut. Abstrakte anspruchsvolle Musik, die aber einfach schön ist. Filigranes Tongewusel auf der Mikroebene, klare schöne Melodien auf der Makro-Ebene. Eingängige IDM, wenn man so will. Ein Mann, der Musik hörbar gern hat.

¥, das Yen-Zeichen, auf den Hymen-Platten mit seinen garstigen Strichen in alle Richtungen sieht schon immer so aus, als wolle es sich zur Wehr setzen gegen hochmütige Rezensenten, die meinen, die komplexen Klänge eines Albums in 30 Zeilen Text konvertieren zu können. Bryan Konietzko aka Ginormous erweist sich in dieser Hinsicht – nicht nur gegenüber dem Journalisten-Gesindel – als Philanthrop. Er versteht es, in all seinen Tracks auf dem Album immer mindestens eine Komponente herauszupicken, die wirkt als entspreche sie stets den Erwartungen des menschlichen Gehörs. So ähnlich ist wahrscheinlich auch Melodie definiert. Manchmal sind es die Beats, die den Track tragen, oder eben auch die harmonischen Tonfolgen von Synthies oder Gesangssamples.
Doch natürlich zieht hier jedes Tönchen am selben Strang. Zusammengekittet sind sie von nichts anderem als der lebendigen menschlichen Liebe zur Musik und, das soll hier nicht verschwiegen werden, einem überragenden Musikverständnis. Betörend beschwingt wird das Album von „Punches To Carefully Coax“ eröffnet. Die fröhliche Melodie setzt sich aus ganzen vielen kleinen Sounds zusammen, die ein wenig wirken, als würden sie alle ein Eigenleben führen, doch zusammen einer großen gemeinsamen Idee folgen.
Liebe zur Musik heißt aber nicht, dass hier gemütliches Electro-Gefrickel geboten wird, bei dem man manchmal glaubt, die Produzenten kommen mit ihrer Penis-Größe nicht klar. Im Gegenteil. Hier ist ein großer Penis am Werk! Der Titeltrack „At Night, Under Artificial Light“ etwa schlägt Amon Tobins „Rosies“ klar in Sachen Wucht, Kraft und Anmut. In seiner schwarzen Strahlkraft stellt der Track das triumphale Zentrum der Platte dar – industriell, brachial, aber auch beweglich und vor allem völlig präzise.

Auch wenn das so ein bisschen nach Kindertisch klingt: Diese Platte ist sicher hervorragend geeignet für IDM-Einsteiger. Aber auch der IDM-Nerd, dessen Synapsen schon vor irrsinniger Verquirlungen glühen, kann auf dieser Platte mal eine 43-minütige Gehirnkur erleben, die deutlich macht: Vertrackte Musik kann sich auch ohne asketische Hörstudien schön anfühlen. „At Night, Under Artificial Light“ ist ein wenig wie eine Pflanze, die man gleichzeitig als zauberhafte Blume und als Summe komplexer Kohlenstoffverbindungen sehen kann. Und manchmal ist es dann doch erfreulich, wo überall eine Blume drinsteckt. ¥

S. Krutzinna
titel
01 Punches To Carefully Coax | 02 Melted Circadian | 03 Coiled So Tightly | 04 At Night, Under Artificial Light | 05 Blink In Blue | 06 A Corridor Leading To Modern Space | 07 Night Scenes, Fireworks, The Heavens | 08 From Deep Bore Holes | 09 Fly Quietly | 10 Moon Canyon Welcomes You | 11 Awakening The Magpie In All Of Us
Release: 25.06.08 bei Hymen Records
|http://www.hymen-records.com/|
Künstler-Homepage: http://www.myspace.com/ginormousmusic
cover
Bewertung:
4/5