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"Blue Lambency Downward" von Kayo Dot
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"Blue Lambency Downward" von Kayo Dot

ine Gypsy-Band auf LSD. Mit einer Rockband verschmelzende Streicher und Holzbläser. Radioheads “Life In A Glass House” aus dem Gedächtnis vorgetragen von improvisierenden Jazzmusikern. H.P. Lovecraft beobachtet aus den Augenwinkeln, wie ein Metal-Gitarrist ein Ensemble der Neuen Musik penetriert. – Wohin damit? Diese Frage brennt mir bei Kayo Dots Drittwerk “Blue Lambency Downward” am dringendsten unter den Fingernägeln.

Es ist nicht die einzige. Eine gebrannte und nur mit dem Namen der Band (falsch geschrieben) beschriftete CD lag in dem Päckchen von der Promo-Agentur. Der beiliegende Info-Zettel verdient diesen Namen nicht. Vor allem aber fühle ich mich nach dem Hören von “Blue Lambency Downward” irgendwie gefickt. Das ist alles total mystisch und bei der anschließenden Internet-Recherche wird’s noch viel schlimmer.

Ich fasse mal zusammen: Kayo Dot sind 2003 aus der Avantgarde-Metal-Band maudlin of the Well hervorgegangen. Mastermind ist nach wie vor ein Mann namens Toby Driver; die Liste der ehemaligen Mitglieder gestaltet sich aber ziemlich umfangreich. Viele der Musiker trafen sich am Hampshire College nahe ihrer Heimat Boston, wo Driver & Co. bei Yusef Lateef studierten. Der Jazzer mit Abschluss in Philosophie gilt als Experte für Autophysiopsychic Music. Dabei geht es darum, Musik aus seinem religiösen Glauben oder spirituellen Weltverständnisses heraus zu komponieren. Dieses Prinzip setzen Kayo Dot um und schreiben ihre Musik nach eigenen Angaben nicht selbst, sondern finden sie bereits in einer astralen Ebene vor. Und wie kommt man da ran? Durch Wachträume zum Beispiel. Das passt auf jeden Fall ganz gut zu den sieben Songs auf “Blue Lambency Downward” und zu denen schreibe ich jetzt auch endlich etwas.

Das Album macht es einem aber auch so verflixt schwierig. Einmal, weil es sich halt musikalisch in kein Genre einordnen lässt. Es ist progressive, Avantgarde, bezieht Einflüsse aus Klassischer und Neuer Musik, Jazz sowie verschiedenen Spielarten des Rock. Also eine echte Messlatte für die viel zu vielen Bands, die sich “lassen uns in keine Schublade stecken” in die Biografie taggen. Dazu fällt es schwer, über diese Musik zu reden, weil sie so verdammt vielschichtig ist. Es gibt natürlich Parts, die auf der klassischen Bandbesetzung aus Gitarren, Bass, Drums und E-Piano basieren, aber auch Streich- und Holz-Blasinstrumente greifen in die dramatischen Kompositionen ein. Und zwar nicht als kosmetische Beigabe, wie sich das mittlerweile jeder leisten kann, sondern mal tragend, mal solistisch, als elementarer Bestandteil der Musik eben. Die Songs sind so gestaltet, dass sich Konzept und Improvisation scheinbar die Klinke in die Hand geben. Alles in einem fulminanten Sound.

Beim Hören ist das erstmal einfach nur überwältigend, aber schon so angelegt, dass man beim wiederholten Genuss immer neue Ebenen entdecken kann und sich die ganze Pracht sukzessive entfaltet. Mir persönlich fällt es aber schwer, konzentriert zuzuhören und wirklich einen sinnvollen Einstieg in die Musik zu finden. Allein die abgehobenen Texte werfen schon Rätsel auf, deren bloßes Verständnis (ich rede ja gar nicht von einer Lösung) schon qualvoll-intensive Beschäftigung mit dem Stoff voraussetzt. Versucht nur mal den Titel “Blue Lambency Downward” zu übersetzen: “Nach unten gerichtetes blaues Züngeln”. In der Auseinandersetzung mit den Lyrics lernt man wenigstens ausgefallene neue Vokabeln.

Aber die Namen Toby Driver und Kayo Dot sollten schon bei jedem an innovativer Musik Interessiertem auf dem Speiseplan stehen. Keine Chance dagegen haben Jazz-Fetischisten oder Metal-Fans, die sich auf Schnipsen bzw. Headbanging verlassen wollen. Ein Album, bei dem ich gerade nicht viel mehr tun kann als staunen. Ist vielleicht auch gut so – wer weiß, mit welch schrecklichen Erfahrungen die astrale Ebene einen fiebernd-faszinierten Geist malträtieren kann?

K. Haller
titel
01 Blue Lambency Downward | 02 Clelia Walking | 03 Right Hand Is The One I Want | 04 The Sow Submits | 05 The Awkward Wind Wheel | 06 The Useless Ladder | 07 Symmetrical Arizona
Release: 20.06.08 bei Hydra Head
|http://www.hydrahead.com/|
Künstler-Homepage: http://www.kayodot.net
cover
Bewertung:
4/5