ch stecke in einer Glaubenskrise bezüglich konventioneller Rockmusik. Zu viele Releases, die mir nichts Neues geben können; zu viele “Rockstars”, die sich zur Freude der Medien in Klischees suhlen. Die Rockband Jud hat sich ja ordentlich Zeit gelassen mit ihrem fünften Album – sechs Jahre dauerte es, bis der Nachfolger zu “Perfect Life” im Kasten war. Angesichts der zahlreichen Veröffentlichungen von Solo- und Nebenprojekten kann das aber kaum Ausdruck einer Schaffenskrise sein. Wer hat Recht?
Vielleicht sollte ich mal genauer sagen, was mich jetzt konkret würgen macht. Zu viele Bands, gerade im Nachwuchsbereich, orientieren sich am wohl von den Rolling Stones begründeten und damit uralten Mythos des ‘Rockstars’, der seinen Gefühlen jeden Abend aufs neue authentischen Ausdruck verleihen kann. Den faulen Zauber dabei haben wir allerdings längst begriffen; wie soll das auch gehen, wenn man bei jedem Konzert eine perfekt getimete Show runterspult. Dass das heute trotzdem noch viele Musiker versuchen, ist umso ärgerlicher, da ja seit den 60er Jahren eine Menge gemacht worden ist. Bands haben Grenzen in Richtung Authentizität wie Künstlichkeit ausgelotet und durch Selbstreflexivität ergänzt. Konventionelle Songschemata wurden über den Haufen geworfen und in Länge wie Redundanz durchdekliniert. Rockmusik ist ein großes Experimentierfeld – warum rennen alle zu dem Platz in der Mitte und schmeißen sich auf den großen Sauhaufen durchschnittlicher Bands?
Juds neue Platte liegt nicht auf dem Haufen. Der “Sufferboy” schwebt mit verklärtem Blick abseits der Menge und drückt sich nur zuweilen mit kopulierenden Bewegungen an dieselbe (großen Beitrag zur Veranschaulichung leistet die Cover-Figur, die wie ein als Teufel verkleidetes Mitglied der Blue Man Group aussieht). - Ein Kompromiss, mit dem ich leben kann.
Vor allem, wenn schon der Refrain des zweiten Songs “Drained” so kraftvoll nach vorne geht, dass sich mein Herzschlag doppelt so stark anfühlt. Oder wenn das großartige “Accelerate” mit einem so chaotisch-sprudelnden Gitarrenintro einsetzt, dass sich zwei eigentlich komplett fremde Neuronen in meinem Gehirn wie in tiefer Liebe ineinander verdrehen. Und: Beim gleichen Song ist der Refrain einmal mehr so rotzig rausgebrüllt, dass viele kleine Blutgefäße unter meiner Schädeldecke mit leisem Plopp zu platzen beginnen.
Am Wichtigsten ist aber, dass man den Kopf hinter Jud, David Clemmons, wirklich ernst nehmen kann. Der Mann schmiert Balsam auf meine von fremdgestylten Musiker-Klonen enttäuschte Seele! Seine Stimme funktioniert auffällig gut in ruhigen wie gebrüllten Parts; auch wenn ich zwischendurch ein paar Sachen anders gemacht hätte, ist das schon mal ein großes Pfund. Dabei widmet er sich düsteren Themen mit einer konkreten Sprache, die dem Hörer aber noch genügend Spielraum lässt. Seine eingängigen Arrangements wären echt langweilig, wenn er es nicht meisterhaft verstände, sie an den richtigen Stellen mit einem Schuss Chaos zu würzen.
Clemmons kennt sich ja auch aus mit Rockmusik. Vor Jud hat er in einer Prog-Rock-Band gespielt. Für seine Platten gewinnt er Produzenten wie Ross Robinson, Matthias Schneeberger (Gutter Twins, Desert Sessions) oder aktuell Jon Caffery, der bei Joy Division mitgearbeitet haben soll und auch bei den Einstürzenden Neubauten am Mischpult saß.
Das Mastermind bei Jud hat also einen Überblick über das oben geschilderte Experimentierfeld, ist schon mal selbst an dessen Grenzen auf die Fresse gefallen. Wichtiger aber noch ist, dass man spürt, wie sehr er seine Persönlichkeit über Musik definiert – womit meine Glaubenskrise zumindest erstmal verdrängt sein dürfte. Mit diesen Voraussetzungen ist es Clemmons und seiner Band natürlich gelungen, trotz Tuchfühlung zum Sauhaufen eine gute, vielseitige und interessante Rockplatte zu machen.











