ei Reunions taucht immer ein Fragenkatalog auf, dem man sich als ernsthafter Muskkritiker nicht ohne Ekel widmen kann: Machen die das nur fürs Geld, ist das ein dämliches Altherren-Album, zerstören die hier ihren eigenen Mythos? Bei The Verve liegen die Dinge etwas anders – es ist schließlich nicht ihr erstes Comeback. Was beim letzten passierte, wissen wir vor allem Dank des Erfolgs von “Bittersweet Symphony” noch allzu gut.
Ich hab’s selten erlebt, dass mich eine Band bauchmäßig so weghaut wie The Verve. Ich hör die Musik einfach gern, auch, wenn ich beim Nachdenken darüber schnell ins Stocken gerate. Als Fußnote zu dieser Feststellung könnte der letzte Satz auf “Forth” dienen: ”Slippin’ out, slippin’ in and out of dreams”. Einmal steht er stellvertretend für viele Ashcroft-Zeilen, bei denen man nicht so richtig weiß, ob man sie nicht eigentlich zu flach findet. Gleichzeitig gibt es auf “Forth” viele Parts mit Jam-Atmosphäre, die ja im Vergleich zum kühl am Reißbrett geplanten Pop-Song auch etwas Traumhaftes haben.
Vielleicht liegt das auch daran, dass sich The Verve auf ihrem Comeback-Album wieder sehr als Band definieren. Peter Salisbury am Schlagzeug drängt sich schon beim Opener “Sit And Wonder” mit einem grandiosen Beat in den Vordergrund und trägt über das ganze Album gesehen sehr zur Dynamisierung bei. Auch Simon Jones am Bass hat seine Momente (“Noise Epic”). Nick McCabe spielt die Lead-Gitarre aktiv und kreativ; zum Beispiel in “Numbness”, wo man das Gefühl hat, er würde ständig am Volume-Regler des Instruments rumfummeln. Das macht er wirklich gut, stellenweise greift er aber auch nur für herzhaft-dezente Zupfmuster in die Saiten (“I See Houses”).
Und dann ist da natürlich noch Richard Ashcroft. Sein Gesang plärrt gleich in “Sit And Wonder” wie eh und je los, mittelhohe Tonlage, immer wieder setzt er ein bisschen zu hoch oder zu tief an und “schmiert” dann auf den richtigen Ton über. Ich glaub’ schon, dass es Musikwissenschaftsstudenten gibt, die das furchtbar finden. Kennen tue ich aber keinen; wäre mir auch scheißegal. Immerhin gibt es auch die soften Parts (“Judas”), die man ja auch schon von den letzten Solo-Alben Ashcrofts kennt.
Ich hatte ja eingangs gesagt, dass mich die typischen Reunion-Fragen ekeln. Das ist so, weil man damit schon eine bestimmte Perspektive einnimmt, die zumindest dem vierten Studio-Album von The Verve nicht gerecht wird. Ob die Jungs noch Drogen nehmen oder schon Herren geworden sind, ob sie sich nur aus Geldmangel zusammengerauft haben, das interessiert doch keinen. Es gibt auch definitiv keine Egotrips auf “Forth”; dafür ist das Zusammenspiel zu harmonisch, zu ausgereift. Das geht soweit, dass das Songwriting stark in den Hintergrund gerutscht ist. Das gab es ja erstaunlicherweise schon bei “Bittersweet Symphony”, diese scheinbar faule Art, einfach ein Streichersample die ganze Zeit kackendreist zu wiederholen. Die aktuelle Single “Love Is Noise” funktioniert ähnlich, nur halt mit einem Gesangssample (”uh-uh uh-uh uh-uh, ah-ah ah-ah ah-ah”). Die Besonderheit von “Forth” ist, dass die meisten Songs zwar catchy, aber alles andere als kompakt geworden sind. Eher fledderig, wie ein vollgeschriebener und um die Welt gereister Textblock.
Folgerichtig scheinen auch die Lyrics selten aus einem Guss zu kommen. Die Ausnahme ist vielleicht die Schlussballade “Appalachian Springs”, in der man wirklich auch mal verschiedene Zeilen aufeinander beziehen kann. Ansonsten aber wirken die Texte eher fragmentarisch, einzelne Zeilen bleiben hängen (”Will those feet in modern times / Walk on soles made in China?”), andere verschwinden in einem Haufen von Seichtheiten (” But I`d rather be here than be anywhere / Is there anywhere better than here / You know these feelings I`ve found they are oh so rare”). Aber ehrlich gesagt – ein Richard Ashcroft könnte kraft seiner Stimme wohl auch das Telefonbuch von Wigan interessant vortragen.
Abschluss. Ich sag’ euch natürlich nicht, wie “Forth” jetzt in die Bandgeschichte einzuordnen ist – weil’s total wumpe ist. Es ist eine Platte, bei der mehr Spielfreude als Konzept mitklingt. Abwechslungsreich, nicht immer erschütternd, aber durchaus packend. Und natürlich großflächig mit dem gewissen Etwas überzogen, dass Bands wie The Verve einfach gleich in den Bauch gehen lässt.











