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"Radio Retaliation" von Thievery Corporation
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"Radio Retaliation" von Thievery Corporation

“adio Retaliation” oder “Radio Vergeltung”, so heißt das neue Album von Thievery Corporation. Das Duo aus Washington D.C. versucht auf seiner fünften LP den Spagat zwischen politischen Statements und radiotauglicher Musik, bestehend aus Trip-Hop, Raggamuffin, Nu-Jazz und Weltmusik.

Rob Garza und Eric Hilton sind die beiden Köpfe hinter Thievery Corporation, lassen sich aber durch zahlreiche Vocal-Features ergänzen. Der Nigerianer Femi Kuti, Seu Jorge aus Brasilien und Chuck Brown, wie Garza und Hilton aus Washington D.C., zählen zu den bekannteren Gästen. Sie alle singen in leicht dechiffrierbaren Bildern über die politischen Missstände auf der Welt. ”They’ll gain the world but lose their souls / Don’t believe politicians and thieves” eröffnet Femi Kuti im Track “Vampires”. Die transsylvanischen Spukfiguren vermutet der Sohn der Afro-Beat-Legende Fela Kuti in den Städten Lagos, Kinshasa, Darfur, Malabo – wer Zeitung liest, weiß, was er damit meint.

”The whole world is ready to fight”. Das ist Bewegungsmusik, einmal im Sinne von tanzbar, vor allem aber, um den vielen orientierungslosen Politik-Skeptikern Nahrung zu geben. Wichtige Werte sind die Einheit (“El Pueblo Unido”), die Motivation zum Kampf (“Sound The Alarm”) und die spirituelle Ausgeglichenheit (“Hare Krsna”). Auch die Einschränkung der Freiheit durch und der Widerstand gegen den Staat wird thematisiert (“33°”).

Die Thievery Corporation verpackt diese Botschaften auf einem hohen Niveau, das aber keinerlei Ambitionen zu Innovation hat. Der Titeltrack “Radio Retaliation” featuring Sleepy Wonder bringt das Album inhaltlich wie stilistisch auf den Punkt. Der Refrain reiht Widerstandsthemen kopflos aneinander, nur durch das gemeinsame Thema und das langweilige Reimschema verbunden: ”We a go wake up the nation / Radio retaliation / It’s such a different corporation / We takin’ over your station / And we a go change the vibration”. Das Ganze läuft in einem so wohlklingenden wie altbekannten Ragga-Schema ab, dass sicher viele Kids mit Gras in der Tasche und Che Guevara an der Zimmerwand darin einstimmen werden. Immer mit dabei: Viel Hall, viel Delay, viel Verklärung.

Überhaupt erinnert mich dieses Album in seinem einfachen Konzept an meine eigene Jugend. Zu dem schön gelungenen Artwork gehört ein doppelseitiges Poster, das eine Collage aus Songtexten, Bildern und Zitaten zeigt. Besonders die Zitate, die von Epikur und Voltaire über Friedrich Nietzsche und Albert Einstein bis zu Hunter S. Thompson, Robert Anton Wilson und Mos Def reichen, hätte ich vor ein paar Jahren mit meinem philosophischen Halbwissen und einem Wunsch nach spiritueller und politischer Ästhetik wohl so ähnlich zusammen getragen. Das ist soweit noch in Ordnung – ich werde gern mal daran erinnert, dass zum Leben nicht nur Zahlen und Statistiken gehören, sondern man sich auch immer mal wieder mit der Kritik an der Vernunft beschäftigen sollte. Vor allem, wenn das Game mit den Zahlen manipuliert ist und der Veränderung bedarf: ”I’m talking people about the same old game / Their runnung them numbers and the winners never change / The dice is loaded and the deck is stacked / The game itself / Will hold you back / Check out your mind” (“The Numbers Game”).

Es stößt aber beim Hören von “Radio Retaliation” zwangsläufig unangenehm auf, dass eben alles mit alten Strukturen umgesetzt wird. Das sind nicht nur die genannten stilistischen Merkmale, sondern z.B. auch die Rolle der Frauen auf dem Album. Wie viele der 30 Zitate stammen von Frauen? Null. Wie viele Sängerinnen werden gefeaturet? Zwei, und die interessieren sich anscheinend eher für Liebe als für Klassenkampf. Die slowenische Sängerin Jana Andevska darf die Liebe mit einer schönen Droge gleichsetzen: ”Oh my love / It’s not time for us to say our / farewell / ... / You are the drug in my veins” (“Beautiful Drug”). Lou Lou verpasst in “La Femme Parallel” die Chance, andere weibliche Eigenschaften als “gerne die Sterne angucken” zu beschreiben und schmachtet am Ende in “Sweet Tides” auch noch den vermutlich freiheitskämpfenden Partner an: ”It took so long for me to realize / How strong your heart is / ... / Sweet tides, pools of love, your eyes are full of ...”. Da wird indirekt ein reaktionäres Frauenbild propagiert, fieserweise in einem scheinbar aufgeklärten Umfeld. Gerade aufgrund der Nähe zum für homophobe und anti-emanzipatorische Botschaften bekannten Dancehall hätte man hier klare Statements bringen müssen.

Im Fazit bleibt der Schluss, dass diese Platte sich nur oberflächlich mit dem eigentlichen Thema, der Veränderung, auseinandersetzt. Immerhin werden Thievery Corporation wieder einige Songs in Computerspielen, Fernseh-Serien und Werbespots unterbringen können, so dass die teilweise ja auch ganz vernünftigen Anregungen auch auf Ohren stoßen werden, die dafür nicht eh schon offen sind. Wirklich subversiv ist diese Platte leider nicht; das “Diebstahl-Unternehmen” kann mir erstmal herzlich gerne gestohlen bleiben.

K. Haller
titel
01 Sound the Alarm (featuring Sleepy Wonder) | 02 Mandala (featuring Anoushka Shankar) | 03 Radio Retaliation (featuring Sleepy Wonder) | 04 Vampires (featuring Femi Kuti) | 05 Hare Krsna (featuring Seu Jorge) | 06 El Pueblo Unido (featuring Verny Varela) | 07 (The Forgotten People) | 08 33 Degree (featuring Zee) | 09 Beautiful Drug (featuring Jana Andevska) | 10 La Femme Parallel (featuring LouLou) | 11 Retaliation Suite | 12 The Numbers Game (featuring Chuck Brown) | 13 The Shining Path | 14 Blasting Through the City (featuring Notch) | 15 Sweet Tides (featuring LouLou)
Release: 26.09.08 bei ESL Music
|http://www.eslmusic.com|
Künstler-Homepage: http://www.thieverycorporation.com/
cover
Bewertung:
2/5