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"Ode To J. Smith" von Travis
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"Ode To J. Smith" von Travis

totternde Produktionsrate: Vier Jahre brauchten Travis für “The Boy With No Name”, danach aber nur eins für die aktuelle Platte “Ode To J. Smith”. Schon aus dem Titel ersichtlich: Das Spiel mit Identitäten ist auch anno 2008 ein ganz großes Thema für das Quartett aus Schottland.

Es beginnt gut, das neue Travis-Album. Der “Chinese Blues” setzt zwar sehr altbacken mit Klaviergehämmer nebst heulenden Gitarren ein. Irgendwie gehört sich das ja aber auch so für Britpopper wie Travis; remember the words of Chris Martin, dass dessen Band Coldplay ohne Travis wahrscheinlich nicht existieren würde. Und wenn dann Fran Healys Stimme auf eine wirklich schickliche Art einsetzt, ganz ruhig und abgeklärt, kommen mir von Anfang an eher Elbow als Coldplay in den Kopf. Das Gute ist: Den Style hält er so zwar nicht lange aus, hangelt sich aber mit verschiedenen anderen Techniken weiter so knapp über dem Sumpf aus Kitsch und Pathos entlang, dass es eine wahre Freude ist. Ob dieser Mann das Gen zum Gutgelauntsein hat? Ich denke schon.

Um jetzt noch mal auf den Opener “Chinese Blues” zurück zu kommen: Es ist interessant, dass Bands, die sich mit dem modernen Menschen beschäftigen, an der chinesischen Gesellschaft nicht mehr vorbei zu kommen scheinen – wie ja u.a. auch bei The Verve gehört. Vielleicht spiegeln sich die Ängste und Sorgen der Europäer besonders kraftvoll in ihrem Bild vom Reich der Mitte, das ja 2008 zunächst durch den Tibet-Konflikt und später bei den olympischen Spielen die Medien intensiv beschäftigte.

Es folgt schon der stärkste Song auf der Platte: “J. Smith”. Laut Healy “Schlüsselsong” des Albums und eine verdammt kompakte Nummer. Gesegnet mit einem Chor, der im Carmina Burana-Style lateinische Verse intoniert – super! Die deutsche Wikipedia-Version listet 37 Personen, die sich mit dem Namen angesprochen fühlen dürfen, aber natürlich ist J. Smith keine konkrete Person, sondern ein Konzentrat aus sehr vielen. Ein gemeinsamer Nenner aus Wünschen, Ängsten und Meinungen. Auch das ist typisch für Travis: Sie versuchen jeden anzusprechen, einerseits durch die unkomplizierte Musik, andererseits eben auch durch solche Songs.

”Dedicated To Kurt Vonnegut” steht übrigens unten auf der letzten Seite im Booklet. Die Dystopien des 2007 verstorbenen amerikanischen Schriftstellers haben die Band spürbar beschäftigt. Mr. Smith lässt die Religion sinnstiftend ins Vakuum seines von Angst und Einsamkeit geprägten Lebens flutschen. Ein für die Weltanschauung Vonneguts typischer Zweck der Religion – er selbst war Atheist.

So rocken und schmeicheln sich Travis abwechselnd durch ein gelungenes Album. Ob sie auf Sinnsuche sind (“Something Anything”) oder sich an traditionellen Werten (“Friends”) festklammern, ob sie den Spiegel (“Broken Mirror”) oder sich selbst (“Song To Self”) ansingen – das Spiel mit den Identitäten funktioniert abwechslungsreich und unterhaltsam. Es scheint den Schotten gut zu tun, mit eigenem Label im Rücken arbeiten zu können. So erhält diese Platte eine beachtliche Portion Tiefgang, ohne verquer oder kompliziert zu wirken. Mit eingebacken wurden viele süchtig machende Momente zum Wohlfühlen.

K. Haller
titel
01 Chinese Blues | 02 J. Smith | 03 Something Anything | 04 Long Way Down | 05 Broken Mirror | 06 Last Words | 07 Quite Free | 08 Get Up | 09 Friends | 10 Song To Self | 11 Before You Were Young
Release: 26.09.08 bei Vertigo
|http://www.vertigorecords.co.uk/|
Künstler-Homepage: http://www.travisonline.com
cover
Bewertung:
4/5