http://magagin.de/reviews/413
"Om Mars Venus" von Morphon
M
"Om Mars Venus" von Morphon

ich kann man ja mit mystischem Scheiß immer locken. Vor allem, wenn er auf irgendeine Art theoretisch fundiert ist, und sei es nur pseudowissenschaftlich. Deshalb bekam ich auch leuchtende Augen, als ich auf das kleine Label Klangwirkstoff stieß. Hier gibt es Musik, die als Grundlage in der Natur auftretende Schwingungen, Resonanzen und Rhythmen verarbeitet. Neuestes Release: “Om Mars Venus” von Morphon.

Was sich für den einen wie esoterischer Kasperkram anhört, ist dem anderen Entspannungshilfe und spirituelle Erfüllung. Ich werd natürlich nen Scheiß tun und mich hier als Horoskop-Gläubiger outen, zumal man in solchen wissenschaftlich nur halbwegs begründeten Geschichten nie zu viel Fanatismus entwickeln sollte. Bei einer – das geb ich zu – intellektuellen Beschäftigung mit mystischem Krams komme ich aber oft auf flotte Ideen.

Jetzt mal die CD in den Mittelpunkt gerückt. Morphon setzen sich nicht einfach nur hin und schreiben Songs, sie rechnen erstmal tagelang mit dem Taschenrechner rum. Die Höhe eines Tons misst man ja in Schwingungen pro Sekunde und jeder Klavierschüler weiß, dass das eingestrichene A in einer Sekunde 440 mal schwingt. Das ist der so genannte Kammerton, von dem aus in unserem Tonsystem alle anderen Töne gestimmt werden. Jetzt kann man natürlich sagen: Warum müssen das denn gerade 440 Schwingungen sein? Der Musikwissenschaftler Hans Cousto hat sich das auch gefragt und eine andere Zahl als Grundlage genommen. Wenn man nämlich mal guckt, wie lange die Erde für einen Umlauf um die Sonne braucht (31556925,54 Sekunden) und davon den Kehrwert nimmt (1 durch 31556925,54 Sekunden), dann hat man einen natürlichen Schwingungswert als Grundlage. Einen Ton, der ein ganzes Jahr für eine Schwingung braucht, würde man aber natürlich nicht hören – er wäre zu tief. Also geht man in Oktavschritten immer weiter auf der neu geschaffenen Tonleiter nach oben und bekommt dann in der 32. Oktave den ersten für den Menschen bewusst hörbaren Ton.

Zitat:

´Cause I know they stay / Like all the cars in NY / Like all the lights on New Year / Like all these gloomy planets / You know they stay / Anyway
The Notwist ("Gloomy Planets")



So weit, so uninteressant. Morphon benutzen also ein alternatives Tonsystem für ihre Musik. Was kommt dabei heraus? Von alleine natürlich noch nix. Man muss schon sphärische Synthesizer, geräuschvolle Gitarren und Theremin nebst künstlichem Schlagwerk bemühen, um den Planeten Mars und Venus eine anständige Ode zu widmen. Das ist Musik, wie man sie im Planetarium hören möchte. Vielleicht auch noch bei Wissenschaftssendungen über das Weltall auf N24. Ansonsten aber gibt es für mich kaum Verwendungszweck für “Om Mars Venus”. Drei Songs mit rund 76 Minuten Länge – das ist ungefähr die Zeit, um sich den ganzen Wikipedia-Scheiß über oben erklärte kosmische Oktave, die Planetentöne und ihre theoretischen Pioniere von Johannes Kepler bis zu Hans Cousto und Jazz-Guru Joachim E. Behrendt durchzulesen. Was anderes bleibt einem bei dem ganzen Gebrumme, Geschwirre, Geklopfe und Gekrasel auch nicht übrig, wenn man nicht vollkommen entspannen und schlaff wie ein nasser Sack auf dem Boden verenden möchte.

Doch, diesen Zweck hat “Om Mars Venus” schon: Das Album entspannt. Würde jetzt nicht jeden Tag klappen, aber beim zweiten Hörversuch bin ich gerade eben immerhin friedlich weggeschlummert. Also: Nix für Leute mit Zeitknappheit oder notorischem Desinteresse an Melodien außerhalb unseres Tonsystems. Man muss aber auch nicht gerade ständig barfuß unterwegs sein und einen Sitzsack besitzen, um mit der CD klarzukommen. Schaut mich an: In Turnschuhen, auf dem Bürostuhl und mit Kaffee im Kopf einfach weggeratzt.

K. Haller
titel
01 Om | 02 Mars | 03 Venus
Release: 02.10.08 bei Klangwirkstoff Records
|http://www.klangwirkstoff.de|
Künstler-Homepage: http://www.myspace.com/morphonberlin
cover
Bewertung:
3/5