olie weg – Hülle auf – Platte raus – CD-Player an – CD rein – PLAY.
Trashige Gitarre beginnt, Bass, der nur die Akkorde mitspielt, setzt ein, Rauschen von Wind kommt hinzu und ich bin glücklich. Ich stehe im offenen Morgenmantel neben dem CD-Player an die Wand gelehnt zünde mir eine Zigarette an und lasse den gestrigen Abend Revue passieren.
Als Vorgruppe für den drogensuchtgezeichneten Punk-Opa „TV Smith“ standen die „Tigerbombs“ im Rahmen ihrer Deutschlandtour in der Göttinger „Musa“ auf der Bühne. Das Publikum war furchtbar. Schimmelige Punks, Ledermäntel tragende Riesenmenschen ohne Haare, die bestimmt Kinder essen, und linksromantische Mittelstufenlehrer von Gesamtschulen mit Punk-Vergangenheit: Also niemand war wegen der „Tigerbombs“ da. Aber wie wunderbar war es im Folgenden mit anzusehen, wie die ganzen furchtbaren Gestalten, die nicht einmal ansatzweise den Konzertsaal zu füllen vermochten, vom Frohsinn durch die verrückte Musik überzeugt wurden. Doch wie skeptisch waren zunächst die Blicke, die Pepe Trouble und Kido Retro (die live durch drei weitere Musiker verstärkt auftreten) auf ihren X-Beinen, ihren gelben Sakkos und auf dem roten Keyboard spüren mussten! „Die sind aber schon komisch“ haben sicher manche – nein ich glaube sogar alle – gedacht. Und ich hatte ehrlich gesagt das Gefühl, dass die „Tigerbombs“ so ziemlich alles taten um diesem vorschnellen Urteil eine sichere Grundlage zu geben. Man covert ja nicht ohne Grund einfach „Maniac“ von Michael Sembello…
Nach dem instrumentalen Präludium „Magic Mountains“ folgt gleich schon ein ziemlicher Smash-Hit, „The Higher The Fall“ betitelt. Wunderbar fröhlich. Wunderbar treibend, mitreißend – man kann eigentlich nicht anders, als sämtliche Gliedmaßen vor Wonne durch die Luft sausen zu lassen. Ich mache das zumindest gerade mal. Vermutlich ist dieser Track schon der Punkt, an dem sich der Hörer beschließt die chaotischen Finnen super oder doof zu finden. Der Gesang von den Tigerbombs ist nämlich sehr markant. Beide Musiker haben Stimmen, die unter Umständen in den 80er Jahren bei NDW-Bands für gewisse Erfolge gesorgt haben könnten. Ich hoffe, dass ich mich damit erfolgreich um das Adjektiv „quäkig“ in Bezug auf die Stimmen herumlavieren konnte.
Ach scheiße: Der Gesang ist quäkig. Na und? Ich mag sie trotzdem. Ich mag auch Kido Retro, auch wenn er auf seinen dünnen, krummen Beinchen und dem etwas massigeren Oberkörper mit dem runden Gesicht oben drauf, ein bisschen putzig aussieht. Und noch viel lieber hab ich Pepe Trouble. Der macht einen so nerdigen Eindruck, dass man ihn für einen britischen Fußball-Fan ohne Freunde hält und nicht für eine zukünftige finnische Rock-Ikone, die er für mich jetzt schon ist. Wie mich dieser Pepe Trouble an diesem Abend verzaubert hat… Während kniffliger Passagen ist seine zierliche Gestalt über die Gitarre gebeugt, sein Mund steht deutlich offen, sein Unterkiefer ein wenig zur Seite geschoben und mit kleinen Schritten, eher Schrittchen misst er die zwei Quadratmeter aus, die auf der Bühne ihm gehören. Nicht selten hoppelte er auch mal zum Keyboarder hin, der seinen Oberkörper während des Konzertes permanent so rotieren lässt, als stellte er pantomimisch eine Waschmaschine dar, und schmiegt sich Wärme suchend an ihn. Zudem beschert er mir große Glücksmomente, wenn er seine Miene durch ein scheues, aber herzlich-fluffiges Lächeln aufhellt. Zumal mich sonst sein Gesichtsausdruck an den von Kaspar Hauser erinnert zum Zeitpunkt, als dieser zum ersten Mal sein Verlies verlässt und eingeschüchtert und verstört die Außenwelt beäugt. Ich schweife ab und sollte vielleicht einfach mal eine CD-Rezension schreiben.
„All time wasted“ ist auch ein Knaller. Flotte Gitarre, wild verzerrt, und fulminantes Schlagzeugspiel schaffen schon eine Grundstimmung, die ein bisschen wie Karussellfahren, durch Blumenwiesen hüpfen und mit Äpfeln jonglieren zugleich ist. Ja, bestimmt ganz genau so.
„Stop and Run“ hat’s auf die Heft-CD von Juni-Spex geschafft. Das ist aber auch kein Wunder, denn bei diesem Track kommt das Markenzeichen-Instrument der Band so richtig zum Einsatz. Denn hier gibt die knallrote Orgel alles und das heißt: Heiterkeitsgarantie!
Für den Track „Punch me up“ kann man ruhig mal die CD für einen Moment ruhen lassen und stattdessen den Computer anschmeißen und die Tigerbombs-Website aufrufen (Lieber Leser, ich weiß zufällig, dass dein Computer jetzt in diesem Moment angeschaltet ist, also… ). Auf der Tigerbombs-Seite kann man sich nämlich ein tolles Video zu dem Lied angucken. Alles klar. Wir machen das jetzt folgendermaßen: Video angucken ist eure Hausaufgabe für heute und ich sag da nix mehr zu. Außer vielleicht, dass im Video auch eine Frau mit großen Brüsten auftritt (und jetzt sage noch mal jemand ich könnte nicht motivieren!). Ja, und der Song ist auch großartig…
„Shout outs“ ist wiederum ein recht erwachsen klingendes Lied, auch wieder etwas poppiger. Fröhlich schon, aber mit einer Priese Nachdenklichkeit und durchaus Emotionen im Gesang.
Ähnlich sieht’s mir dem Track „Subtle Shaking“ aus, der ebenso aus der Feder von Pepe Trouble stammt. Ich tendiere dazu, diesem Song zuzuschreiben, dass hier Snare-lastiges Schlagzeug, Orgel, Gitarre, Bass und Glockenspiel geradezu vollkommen miteinander zu einem einfach schlichtweg guten Stück verschmelzen. Und man merkt hier, – wie auch beim wiederum nächsten Track „The yellow line“ – dass wirklich beide Musiker absolut gute Stimmen haben. Sie haben Volumen, sind äußerst abwechslungsreich und nerven nicht auf die Dauer, wie es ja bei markanten Stimmen häufig ist (Pearl Jam ist so ein Beispiel – der geht mir einfach ziemlich schnell auf den Keks).
Ich resümiere: Tigerbombs sind voll cool.
Ich schwafele: Diese beiden verrückten Hühner aus Finnland, deren Väter schon zusammen Musik gemacht haben (und deren Kinder bestimmt auch miteinander Musik machen werden), sind ziemlich crazy aber zeigen schon deutlich, dass sie auch in der Lage sind nicht nur komisch zu sein, sondern auch Musik machen können, die man toll findet, weil sie gut und nicht nur spaßig ist. Walter Wacht schreibt in der aktuellen Spex, dass die Tigerbombs in zwei Jahren größer sein werden als ihr Schatten. Stimmt aber nicht. Die sind jetzt schon größer als ihr Schatten plus den Schatten von mir und den von Walter Wacht zusammen. Das einzige was den Finnen noch fehlt ist der dicke Durchbruch, aber die Musik die dazu nötig ist, findet sich bereits auf „Crazy Kids never learn“ und somit bleibt nichts außer „Alles Gute“ zu wünschen.












