egen Ende des letzten Jahrhunderts stand ich fassungslos vor dem TV. Als dieser mir gerade vorführte, wie Chers letzter großer Hit von der breiten Masse auf den Pop-Olymp gehievt wurde - damals noch gänzlich ohne Klingeltonverkäufe – konnte ich nur mit dem Kopf schütteln. „Believe“ dominierte wochenlang sämtliche Charts und wurde exzessiv von ihren Anhängern gefeiert, ich hingegen ignorierte es. Zum einen, weil ich Cher und die dazugehörige Musik einfach nicht fühlte und zum anderen, weil der, mir damals noch unbekannte, eingesetzte Synthie-Effekt, der Chers Stimme ins elektronische Feld verzerrte, mir zu der Zeit noch völlig abstrus erschien.
Doch Zeiten ändern sich und mit ihnen auch die Geschmäcker. Und so, eine Dekade nach Chers Renaissance, genießt der Auto-Tune-Effekt derzeit wieder einmal einen Riesen-Hype, den sich deshalb anscheinend jeder musikschaffende Künstler zu Nutze zu machen will. Die Beastie Boys taten es, Snoop Dogg hat es getan, Akon tut es auch und T-Pains gesamtes musikalisches Konzept basiert auf dem Auto-Tune-Effekt. „Die Welt spricht Auto-Tune“ lautet deshalb auch passenderweise das Titelthema der aktuellen Juice-Ausgabe (11/2008), die sich diese ganze Effekthascherei einmal genauer angeschaut hat. Immerhin lebt auch Lil Waynes Award überhäuftes „Lollipop“ von jenem Effekt, den er indessen gar nicht mehr ablegen will.
Nun also auch der eigensinnige Mr. Kanye West, der mit seiner VMA-Performance seiner ersten Single „Love Lockdown“ für jede Menge Zündstoff und explosive Diskussionen in den Internet-Foren dieser Welt sorgte. Kontrovers wurden die Argumente für und wider das Auto-Tuning des Ausnahmekünstlers diskutiert und gegen einander abgewogen. Mittlerweile ist das Auto-Tune geschwängerte, vierte Album von Mr. West im Handel und ich stelle fest, dass der Aufstand und die Angst der Communities und Fans völlig unbegründet waren. Das Album ist, das muss ich vorweg schon mal sagen, mit das Beste, was ich dieses Jahr an Rap-Musik gehört habe und dass, obwohl es mit Rap-Musik im eigentlichen Sinne nur noch wenig zu tun hat. Vielmehr ist „808s & Heartbreak“ eine Fusion mehrere Genres, unter anderem Rap, Elektronik & Pop, die in ihrer Gesamtheit keinem einzelnen Genre mehr zuzuordnen ist. Kanye geht konsequent den nächsten Schritt in seiner musikalischen Entwicklung und bricht mit alten Mustern und Maßstäben. Sein neues Album erzwungen mit dem Aufdruck „Rap“ oder „Pop“ versehen zu wollen, ist Schubladen-Denken und wird dem Sound der neuen Platte nur geringfügig gerecht. Auch ein Vergleich mit Michael Jackson, wie ihn hiphop.de zieht oder ihn als „Richard Wagner des Rap“ zu bezeichnen, wie rap.de es tut, ist in meinen Augen schlichtweg zu eng gefasst. Zumal Kanye West sich selbst viel lieber mit Elvis, dem King of Rock´n´Roll verglichen sehen würde – wobei Kanye von Rock´n´Roll in etwa so weit entfernt ist wie von einer realistischen Selbsteinschätzung. Müsste ich einen direkten Vergleich ziehen, würde ich es mit Salvador Dalí versuchen: Dessen exzentrischer Surrealismus passt vielleicht am ehesten als Bezeichnung für Kanyes avantgardistische Klangwelt, die anfangs befremdlich und verstörend wirkt, nur, um mich im nächsten Moment in ihren Bann zu ziehen, dem ich mich nicht mehr entziehen will. Beim ersten Durchhören von „808s & Heartbreak“ beschlich mich der leise Verdacht, dass das Album eine musikalische Verarbeitung einer depressiven Phase sein könnte, so wie sie jeden Künstler im Laufe seiner Karriere befällt und ihn ans Äußerste treibt. Der Sound des Albums ist keinesfalls als fröhlich oder leichtfüßig zu bezeichnen, füllt er den Raum doch mit einer gewissen Traurigkeit, die teilweise sogar melancholisch anmutet. Unterstützt wird diese Stimmung von Kanyes Gesang, der durch den Auto-Tune-Effekt oft fast weinerlich klingt, dabei aber nie peinlich oder unpassend wirkt. Entgegen der Vermutung, dass das ganze Album über nur noch ein singender, „getunter“ Kanye zu hören sei, rappt Kanye West jedoch über weite Strecken komplette Strophen, zuweilen auch frei von Auto-Tune. Nach mehrmaligem Hören empfinde ich die düstere Atmosphäre immer weniger befremdlich, sondern eher vertraut und herzlich. Kanye Wests Perfektionismus sorgt für akribisch genau platzierte Arrangements in den einzelnen Stücken, deren melodischer Unterton oft in einer Wechselwirkung mit den harten Drums und Snares steht. Deshalb vermittelt das Album vorrangig auch das Gefühl von Schwere, gibt man sich aber intensiv der Musik hin, merkt man schnell, dass dieses Gefühl allein nicht ausreicht, um die Musik zu fassen und zu beschreiben.
Irgendwie schafft es der gute Kanye West einmal mehr – mich wundert es nicht – mit seiner Musik zu verzaubern. Sein künstlerisches Schaffen zeugt von tiefer Überzeugung und den Glauben an sich selbst und davon, dass egal, was Kanye West auch immer für Musik macht, es zwangsläufig großartige Musik werden muss. Ich habe auch nichts anderes erwartet.










