a guckt er uns hilflos durch seine Hornbrille vom Cover her an. Wilhelm Tell umgemünzt auf Indie. Richtig, der, der jemandem einen Apfel mit dem Flitzebogen vom Kopf schießt. Aus Schulzeiten mag man irgendwo noch so ein gelbes Reclam-Heftchen von Schiller rumfliegen haben.
Aber wie war das noch mit dem Apfelschuss? Wilhelm Tell ist ein armer Vasall eines fiesen Vogtherrn. Dieser zwingt Wilhelm, seinem eigenen Sohn einen Apfel vom Kopf zu schießen. Nur so würde er selbst freigelassen und sein eigenes wie das Leben seines Kindes unversehrt bleiben.
So far. Auf dem Cover von „La Pomme d’Enfer“ wird so ein Emo-Nerd aber nicht von einem, sondern von 36 Pfeilen beschossen. Wir sehen: Das alles ist nicht mehr so einfach wie zu Schillers Zeiten, kein hop oder top mehr. Die Schubladen werden zu klein, die Kategorien verschwimmen. Und dann ist das auch nicht irgendein Apfel, sondern ein Höllenapfel (enfer = franz. Hölle).
Ob jetzt das Musikbiz die Hölle ist oder nicht sei dahingestellt. Offensichtlich aber ist diese Text-Bild-Musik-Relation auf „La Pomme d’Enfer“ sehr gut ausgearbeitet. Schon im Opener keckert dem Hörer ein infernalisches Lachen ins Ohr. Dann heißt es auf „L’idée folle“: „Hallo ich bin’s. Und ich bin nicht tot“. Hier wird gekämpft, und zwar gegen Klischees. Krude Texte, harmonisch vorgetragen oder im Sprechgesang, poppige Geplänkel-Refrains, multilinguale und multiinstrumentale Einflüsse.
Die zweite Platte des Hamburger Quartetts hat Zeit zum Nachdenken bekommen. Sechs Jahre sind seit des Debüts verstrichen und in diesen sechs Jahren ist die Musiklandschaft Deutschland ordentlich verwuchert. Die Hamburger Schule ist eingegangen oder hat sich nach Berlin verpflanzt, dort stehen aber vielmehr Elektro und Techno in voller Blüte und Indie-Bands von der Insel überwuchern den Markt wie immergrüne Bodendecker.
Flo Fernandez hat verstanden, dass es keinen Sinn hat, sich in einer freigehackten Fahrschneise zu bewegen. Wer einen Schuss überlebt hat, auf den wartet abschussbereit der nächste Giftpfeil eines Dieter Bohlen oder wer sonst so den Ton angeben darf im deutschen Musikbusiness. Flo Fernandez geht rückwärts aus der Schusslinie, unbemerkt und würdevoll und schafft ein kleines feines Album, das sich selbst treu bleibt und durch seine Authentizität sicher das ein oder andere Paar Ohren beschallen darf.










