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"Replace Why With Funny" von Dear Reader
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"Replace Why With Funny" von Dear Reader

pätestens wenn im nächsten Jahr die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika stattfindet, wird dieses Land diese Presse beschäftigen wie lange nicht mehr. Schon jetzt aber lotst eine Pop-Band aus Johannesburg ein bisschen Medieninteresse in die Regenbogennation, und das mit Recht. Dear Readers Debütalbum „Replace Why With Funny“ ist nämlich eine außergewöhnlich grandiose Platte geworden.

Man könnte sich jetzt die Finger wund schreiben über die Heimat von Cherilyn McNeil und Darryl Torr. Hier ist aber nicht der Platz, von den jahrzehntelangen Verbrechen der Apartheid zu berichten, die dem Duo auch bei ihren Aufnahmen in den Tonstudios der South African Broadcasting Company präsent waren – Festungsfeeling hinter meterdicken Mauern und dazu ein Flursystem, das früher zwischen schwarz und weiß unterschied. Die beeindruckenden Fakten (es gibt 11 verschiedene Amtssprachen in Südafrika), die schlechten Nachrichten (in der entwickeltsten Wirtschaft des Kontinents wird die Arbeitslosenquote zwischen 20 und 40% geschätzt) – sie seien hier nur am Rande erwähnt. Obwohl Dear Reader gar keine Klischees afrikanischer Musik erfüllen, gehören ein paar Facts dazu, wenn man ihrer Musik gerecht werden will.

In Interviews berichtet Cherilyn, dass sie mit den Platten ihrer Eltern groß geworden sei, mit den Beach Boys, und Joni Mitchell. Die Frau ist erst 24, aber wo sollen die Leute aktuelle Musik auch hernehmen, wenn Bands bei ihren Tourneen einen weiten Bogen um das Kap der guten Hoffnung machen? Man spürt bei diesen Geschichten eindringlich, wie wichtig es ist, dass die Menschen auf der ganzen Welt Zugang zum Internet bekommen. Ohne Internet hätten Dear Reader ihre weitreichenden musikalischen Einflüsse nicht sammeln können. Auch hätten sie dem Produzenten Brent Knopf (Menomena) in Portland, Oregon keine MySpace-Nachricht schicken können (woraufhin sich dieser ins Flugzeug nach Südafrika setzte). Nicht zuletzt spielt die Situation Südafrikas auch eine Rolle, wenn man Cherilyn fragt, was sie von dem Land halte: „Ich liebe dieses Land. Und ich hasse es hier auch. Ach ich weiß nicht. Das hier ist schon meine Heimat...“. Sie und Darryl gehören der kleinen, britisch-stämmigen Bevölkerungsgruppe an, die neben der farbigen Mehrheit und den weißen Afrikaans und vielen weiteren Ethnien als Minderheit in Südafrika leben.

Was für eine Musik machen Dear Reader also? „Replace Why With Funny“ ist von der ersten bis zur letzten Minute großer, klitschiger Pop, der sich warm um dich schlingt und nicht mehr loslässt. Die Stücke bauen meist auf kleinen Linien an Klavier oder Gitarre auf und steigern sich dann mit wahnsinnigen Spannungsbögen. Man kommt aus dem Schwärmen nicht mehr heraus: Das abwechslungsreiche Songwriting transportiert mit Leichtigkeit Stimmungen. Die herrlichen Arrangements ziehen mit Hörnern, Streichern, E-Pianos und einem echten Chor alle Register. Kein Stück schwächelt, da will man auch keins hervorheben. Bei dem wunderschönen „Great White Bear“ bin ich mir aber ganz sicher, dass ich mich noch häufig darin einwickeln werde.

Vor allem aber loben muss man die großartige Stimme Cherilyn McNeils, die skandinavischen Kolleginnen wie Emiliana Torrini oder Anna Ternheim locker das Wasser reichen kann. Dabei singt Cherilyn so locker und echt, als ob sie sich über ihre Klasse gar nicht im Klaren wäre. „...it seems I wrote a lovesong“. Wie viele Sängerinnen machen sich doch alles kaputt, wenn sie ihre stimmlichen Reizen mit einer dicken Schicht Exaltiertheit angestrengt herausstellen wollen. Dear Reader schaffen es dagegen wirklich, mir Tränen aus den Augen zu drücken. Ein Debüt, das sehr viel Lust auf mehr macht. Lust auf mehr von Dear Reader, aber auch auf die Kultur ihrer Heimat Südafrika.

K. Haller
titel
01 Way Of The World | 02 Dearheart | 03 Great White Bear | 04 Bend | 05 Out Out Out | 06 Release Me | 07 Never Goes | 08 The Same | 09 What We Wanted | 10 Everything is Caving
Release: 20.02.09 bei City Slang
|http://www.cityslang.com|
Künstler-Homepage: http://dearreadermusic.com/
cover
Bewertung:
5/5