iese Platte ist eine der absolut krassesten, die in den letzten Jahren den Weg zu meinem Ohr gefunden hat. Sie ist auch gleichzeitig eine der komplexesten, vielschichtigsten und anstrengendsten Werke des Jahres. Ehrlicherweise sei dazugesagt: Die meisten Leute werden allerdings die CD nach 2 Tracks nie mehr anrühren – den verstörend ist der Kram allemal.
Venetian Snares ist Aaron Funk. Ein verrückter Kanadier, dessen Roots so weit verzweigt sind wie bei einem… äh… großen Baum. Einem sehr großen. Die Wurzeln reichen von Metal bis zu Free-Jazz und das Ergebnis ist… nun… kaum in Worte zu fassen. Na, aber ich versuch’s mal!
Musik-Journalisten tun Venetian Snares im Allgemeinen die IDM-Schublade (IDM= Intellectual/ Intelligent Dance Music). Das macht in meinen Augen aber nicht so viel Sinn, auch wenn IDM ein Genre ohne festgesteckte Grenzen ist und man da, wenn man wollte, auch Wolle Petry reintun könnte. Die Venetian Snares streifen schon in den ruhigeren Tracks das IDM-Genre, aber die ruhigen Tracks sind es eigentlich nicht, die die Musik von Aaron Funk ausmachen, sondern jene, die voller Brett mit 200 Beats per Minute abfreaken. So wie etwa der Dritte Titel des Albums „Pwntendo“. Hier begegnen dem Hörer wirklich mehrere Tausend einzelne Töne. Kaum einer gleicht dem anderen. Das einzige Motiv, das sich durch den ganzen Track hindurch fortsetzt ist eine simple Variation eines Midi-Akkords, der ziemlich nach 80er-Jahre-Computerspielen klingt. Aber fuck! Was dieser Gott von Sound-Architekt um diese Basis herumspinnt! Myriaden an kleinen funkelnden Tönchen. Scheinbar zusammenhanglos und willkürlich in die knapp viereinhalb Minuten verstreut, aber gleichzeitig so geschickt ineinander verschachtelt. Und das bei einer Geschwindigkeit, die den Atem raubt. Und Aaron Funk begibt sich damit auf eine bewusste Gratwanderung. Gleichzeit verziert er den Track bis zur beinahen Unkenntlichkeit mit den vielen kleinen Samples, behält aber dennoch die Melodiösität bei, die notwendig ist für einen Song. Und genau das ist der springende Punkt. Die Musik ist unheimlich anstrengend zu hören, da man permanent versucht die Musik nachzuvollziehen, zu verstehen, was passiert. Aber jeder verfälscht die verfolgte Fährte .Und so braucht man doch etwas Übung um zu checken, dass das nicht einfach nur eine Mischung aus digitalisierten Orgasmen eines an Epilepsie leidenden Keyboarders ist.
Aaron Funk kann aber auch anders, zumindest was das Temo angeht. In „XIII’s Dub“ geht’s langsamer zu. Das heißt aber nicht, dass die Musik nicht weniger verstörend ist. Im Gegenteil. Bei schneller Musik ist man es ja teilweise noch gewöhnt, dass man nicht so recht mitbekommt, was da eigentlich vor sich geht. Auf die dubbige, wabernde Synthie-Basis legt Mr. Funk aber ebenso exakt, bewusst und verwirrend seine Drums, Faser und Bässe, dass einem schwindelig wird. Besonders fällt auch hier die Snare auf, die immer wieder Verwendung findet. Kein Wunder denn der Name „Venetian Snares“ leitet sich auch von einem ebenso betitelten Drum-Preset ab.
Der nächste Track bietet wiederum für den Künstler-Unkundigen eine Überraschung. In „Vache“ mach Aaron Funk ziemlich deutlich klar, dass er sich nicht in die Ecke des extravaganten Drum’n’Bass und des minimalistischen Techno schieben lässt. Hier offenbart er seine Affinität zu Hardcore-, bzw. Speedcore-Techno – und das unterscheidet ihn extrem von allen vergleichbaren Musikern, die sich durch die angesprochene IDM-Schublade aufdrängen. Venetian Snares feuern hier harte, schnelle Bässe heraus – wiederum mit dem ganzen anderen Firlefanz, wie etwa eindrucksvollen Soli auf den Toms. Einfach großartig, finde ich.
Nochmals soll betont werden, dass die Musik wirklich sehr anspruchsvoll ist. Aaron Funk boykotiert auch über weite Strecken den 4/4-Takt, wagt lieber Abenteuer wie 7/4-Takte, scheut keine Rhythmus-Wechsel und bricht auch sonst so manches Tabu, das sich in der Musik aus praktischen oder ästhetischen Gründen eingebürgert hat.
Dies gilt zum Beispiel auch für die Artworks seiner Veröffentlichungen. Mehrere Alben-Cover zierten Arbeiten des Künstlers Trevor Brown, einem britischen Künstler, der auch für die Death-Metal-Band Deicide arbeitete. Auf 2003er-Album „Find Candace“ fand sich etwa das Bild eines Mädchens, dessen Körper in einem Plastiksack steckte, der am Hals zugeschnürt war. Dass dies, trotz der unzweifelhaft handwerklich guten Arbeit, für Empörung und Diskussionen sorgte, ist klar. Das Artwork für „Cavalcade Of Glee And Dadaist Happy Hardcore Pom Poms” stammt aus dem renommierten Hause “as1projects” und ist definitiv gute Arbeit, aber sicher auch Geschmackssache: Brutal, technisch, exakt, ungewöhnlich, irritierend, verstörend, – ganz genau wie die Musik von „Venetian Snares“.












