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"Denies The Day's Demise" von Daedelus
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"Denies The Day's Demise" von Daedelus

an glaubt es nicht, aber es gibt einen wunderbaren Künstler, dessen neuestes Album die deutsche Musikpresse fast vollständig ignoriert. Obwohl Daedelus schon lange nicht mehr underground ist, seit Jahren beim Super-Label Ninja Tune unter Vertrag ist und einfach großartige Musik macht, tut man hier in Deutschland so, als wäre sein Album gar nicht auf den Markt gekommen.

Und was ist wohl der scheiß Grund dafür? Wahrscheinlich ist es die Mischung, die ihnen nicht passt. Die Musik ist den Proll-Journalisten wohl nicht dreckig genug und den Superintellektuellen vermutlich zu cool. „Aber halt! Das ist hört sich doch total geil an!“, mag der Leser rufen und ich erwidere: „Genau darauf wollte ich hinaus.“

Den ganzen Background von Daedalus, der eigentlich Alfred Weisberg-Roberts heißt und aus LA kommt, lassen wir mal weg. Der interessierte Leser kann ja diesbezüglich auch noch auf der Ninja-Tune-Website weiter lesen oder auf der Künstlerhomepage.
Im Gegensatz zu den Vorgängeralben, besonders zu „Exuisite Corpses“, das eher in Richtung Hip-Hop ging, kommt Daedelus bei seiner neuesten Platte fast komplett ohne Kooperationen aus. Dies verleitete sein Label sogar zu dem Satz „Das ist sozusagen Daedelus nackt“.

Wir beginnen straight nach vorne abfunkend. „At My Heels“ hat eine extrem fordernde Bassline, die das absolute Zentrum des Tracks ist. Hinzu kommen Sprechparts, die sich über eine Instrumentierung legen, die trotz permanent verfolgten Motiven andauert in Wandlung begriffen ist und von traditionellem Funk, über Latin-Percussions bis zu zeitgenössischem IDM reicht. Eine große Spannweite, die allerdings eher nur einen Ausblick auf dieses dimensionsreiche Album gibt.

Der zweite Track heißt „Sundown“ und das Video dazu gibt’s kostenlos hier (http://www.ninjatune.net/videos/video.php?type=qt&id=95). Daedelus präsentiert in diesem Stück, was für eine schöne Stimme er hat, was ja nicht selbstverständlich für Musikproduzenten ist. Orgel mit midi-Sound lässt das Stück beginnen und schnell baut sich ein luftiges, aber komplexes Percussion-Gebilde auf. Es ist hochinteressant, wie diese beiden Parts – Gesang und Melodien auf der einen Seite; Percussions auf der anderen – immer wieder auseinander driften und wieder zusammenfinden. Denn die Orgel bleibt eigentlich die ganze Zeit über relativ gemächlich, aber die Percussions steigern sich beizeiten in ein so rasantes Tempo, dass man glaubt, dass es eigentlich gar nicht passt – stimmt aber gar nicht. Passt alles hervorragend. Mit der Stimme verhält es sich genauso. Ich bin der vielleicht größte Verächter von hohen Männerstimmen, aber verflucht! Das passt hier einfach. Jede einzelne Silbe, jeder Ton – es könnte nicht passender sein. Es ist dieses leicht Dissonante, aber tatsächlich Unkonventionelle, das dem Ohr schmeichelt und aber gleichzeitig behutsam auffordert noch immer etwas genauer hinzuhören.

„Viva Vida“ ist ein weiterer ganz wunderbarer Track. Er beginnt mit sanften, leicht elektrisiertem Gitarrengezupfe. Dann setzt eine unheimlich sanfte Oboe ein, die kraftvoll und weich dem klanglichen Raum eine große Dimension gibt. Doch nachdem die Oboe wieder aussetzt bleibt die Größe bestehen, da die anschließende Instrumentierung viel Volumen hat. Besonders der Bass ist auf eine subtile Art präsent. Es schließen sich kleinere Variationen des Hauptthemas an, ein kleiner Gesangspart wird eingeflochten, und nachdem der Synthie, der sich vorher in den Vordergrund gespielt hatte, fließend verzerrt ausklingt, übernimmt wieder die Oboe und der Track ist zu Ende. Eine schöne griffige Songstruktur.

Track 5 heißt „Samba Legrand“ und ist ein ungemein spritziges Werk. Es ist technoid und teilweise sehr düster, dabei aber äußerst verspielt und munter, abwechslungsreich. Gummitwist in Finsternis, könnte man sagen. Aber in einer so surrealen Welt, dass das Gummitwistgummi sich ständig verdreht und verknotet und die Beine des Hüpfenden sich wider alle Anatomie mit verbiegen und verknoten, denn der Song mutiert auch fünfeinhalb Minuten vor sich hin.

„Like Clockwork Springs“ ist ebenso groovig. Trancige Tunes über einem Drumset, das schon ziemlich viel Südseecharme hat. Und wunderbar schwerelos sind die Momente, in denen die Synthies aussetzen und freundliches Gitarrenpicking über den Beat hüpft.

„Lights out“ ist so dermaßen Daedelus, wie wohl kaum ein anderer Track. So verdammt durcheinander. Freundlich und verstörend, Breaks bis zum Gehtnichtmehr. Streicher, Xylophon, Rap, und im Drumset findet sich vermutlich jedes Instrument, das im perkussiven Bereich jemals digitalisiert worden ist. Hinzu noch der ganze Elektrokram, wie Phaser oder so.. Shit, ist das cool!

„Bahia“ ist mein persönlicher Smash-Hit. Alles kommt zusammen: Bläser, die Stimmungspercussion aus Südamerika, der Groove von heute. Es ist grandios. Das ist exakt, die Mischung aus IDM und Clubmusik, wie sie Spaß macht und trotzdem hoch interessant ist. Ich bin bezaubert.

Daedelus Denies The Day’s Demise ist ein perfektes Beispiel, was man mit einer Compact Disc alles anfangen kann. Volle 51 Minuten vollkommen durchdachte, handwerklich meisterhafte Musikvielfalt. So ist es auch unmöglich dieses wunderbare Album vollständig zu besprechen. Allein das Artwork des Albums, das vom großen Winsor McCay stammt, ist Kapitel füllende Lobenshymnen wert.

Auf der Rückseite des Booklets wacht ein Junge in seinem Bett auf und sagt „One day ends and another begins and we’re never none the wiser...“ – „Never None The Wiser“, heißt auch der letzte Track. Nie, Niemals klüger. Mit diesem Gefühl lässt Daedelus den Hörer in die reflexiven Momente entgleiten.
Die Idee, den Satz aus dem Booklet auf die Musik zu übertragen fällt recht einfach, wenn man weiß, dass auf der Vorderseite der CD die Sonne untergeht und auf der Rückseite der Mond von der aufgehenden Sonne vertrieben wird. Die Musik von Daedelus ist also genau die Zeit dazwischen. Ein Traum, der in fremde Welten verführt, surreale Erlebnisse bietet. Und einen nach dem Erwachen lächelnd zurücklässt. Ein Lächeln, das nur von der schemenhaften Erinnerung zeugt, von nichts Konkretem .Dieses nebulös Interdimensionale, dieser Hauch vom Ungreifbaren ist es, was diese CD ausmacht. Und dies realisiert man – wie im Traum – erst nach jedem Durchlauf aufs Neue.
Es geht auch nicht darum klüger zu werden. Vergnüglich soll es sein, und nachdenken ist auch nicht verkehrt, aber es muss nicht immer alles in Erkenntnis münden – so scheint die Moral aus dieser farbenfrohen Reise zu lauten.



Bilder:
Artwork: Winsor McCay (umgesetzt von Laura Darling)
Bilder: www.daedelusdarling.com (http://www.daedelusdarling.com)

S. Krutzinna
titel
01 At my heels | 02 Sundown | 03 Nouveau nova | 04 Viva vida | 05 Samba legrand | 06 Like clockwork springs | 07 Lights out | 08 Bahia | 09 Our last stand | 10 Patent pending | 11 Sawtooth EKG | 12 Dreamt of drowning | 13 Sunrise | 14 Petite samba | 15 Never none the wiser
Release: 28.04.06 bei Ninja Tune
|http://www.ninjatune.net|
Künstler-Homepage: http://www.myspace.com/daedelusdarling
cover
Bewertung:
5/5