wei Jahre nach dem durchgestarteten Debüt erstmal gechillt - -jetzt ist der lang ersehnte Nachfolger von Billy Talent raus – bescheiden mit „II“ betitelt. In Zeiten wo normale Menschen die Schnauze gestrichen voll haben von toll produziertem Teenie-Punk, legen Billy Talent toll produzierten Teenie-Punk vor, der aber einfach abgeht, man kann es nicht anders sagen.
Billy Talent sind ein Vorbild für viele junge Rockbands, die weit vom Durchbruch entfernt sind. Das ist der Fall, weil sie selbst eine Band waren, die mehr oder weniger langweilig vor sich hingegurkt hat. Irgendwann tranken die vier Kanadier aber ziemlich viel vergorenen Ahornsirup (das ist eigentlich nicht überliefert) und sagten sich: Scheiße, wir machen das jetzt einfach mal frei heraus, so wie wir Bock haben. Und schwupp – es wurde authentisch und ihre Musik bekam den Charakter, den ihre jetzigen Fans so lieben.
Wie komprimiert und schwungvoll Punkrock sein kann, zeigen Billy Talent schon in ihrem ersten Track „Devil In A Midnight Mass“. Kurzes Gitarreninterlude, dann setzt der Rest der Instrumente zusammen mit einem Schrei ein und nach 20 Sekunden beginnt die erste Strophe, die aber so rhythmisch und abwechslungsreich ist, dass man sich gar nicht in konventionellen Songstrukturen wähnt. Sänger Benjamin Kowalewicz beeindruckt durch kräftigen Gesang. Man merkt, dass der Mann einfach so singt, wie ihm seine Stimmbänder gewachsen sind. Er verstellt sich nicht, er macht was er ist. Das macht gute Musiker aus. Das ist real. Nur der Vollständigkeit halber: In den ersten knapp drei Minuten des Albums, in diesem ersten Track, finden sich auch noch Flüster-Parts und Shouting, was wirklich aufzeigt, wie verdichtet die Musik ist.
Schauen wir uns doch mal die Lyrics von „The Suffering“ an.
Like a target drawn across my chest,
She’s a bullet in Russian Roulette
You said you’d never turn your back on me?
Rescue me! Rescue me!
Would you stand by me, or bury me?
Bury me!
Why don’t we end this lie?
I can’t pretend this time
I need a friend to find,
My broken mind, before it falls to pieces…
Schon okay, aber ist irgendwie nichts Besonderes, oder? Wie soll man so was singen, fragt sich aber wohl der ein oder andere einfühlsame Leser. Keine Ahnung, aber hört es euch an. Benjamin Kowalewicz kann es und das macht gute Musik aus. Irgendeinen Unfug singen, der sich nur leidlich reimt und trotzdem klingt es glaubwürdig und mitreißend. Genau das ist die Kunst. Und Billy Talent hat es drauf.
Selbst in sozialkritische Eskapaden ergehen sich Billy Talent, ohne von mir belächelt werden zu müssen. „Worker Bees“ trifft auf eine wundervolle Art und Weise den Ton der Melancholie und der vermeintlichen Hilflosigkeit des Pazifisten in einer Welt des permanenten Krieges. Und zwar ohne dabei Längen aufkommen zu lassen.
In „Pins and Needles“ glänzen Billy Talent aufs Neue. Die Gitarre hat einen grandiosen Klang – voluminös, durchgestylt, aber trotzdem noch rau und rotzig. Dies kommt besonders in den Picking-Parts raus, die aber weitgehend der dynamischen Rock-Show weichen.
Einen persönlichen Favoriten finde ich in „Fallen Leaves“. Die Lyrics sind gut, der Refrain ist ein absolutes Brett und Ben zeigt wieder wie phantastisch er singen kann. Allerdings sind die Qualitäten von Sänger Ben kein Grund ihn hier alleine hervorzuheben. Er wird hervorragend in Szene gesetzt. Die Gitarrenriffs sind optimal auf die Texte abgestimmt. Selbst der Bass geht häufig seine eigenen Wege und spaziert nicht die ausgetretenen Pfade der Gitarre entlang. Das Schlagzeug schafft auch prima den Spagat zwischen Rhythmusschlampe und interessantem Spiel.
Neben Genannten finden sich auf dem Album noch eine ganz Reihe von Songs, die jeder für sich gelungen, schlüssig und interessant ist. Auch der Lovesong „Surrender“ als eher langsamerer Song fügt sich sehr gut in den Gesamtkontext ein, ohne wie ein Fremdkörper zu wirken. Gleiches gilt auch für den „Navy Song“.
Nicht ganz so hörenswert finde ich „Where Is The Line“ und „Perfect World“. Allerdings stehen die Songs eher im Schatten der anderen Songs. Vielen durchaus erfolgreichen Bands, wie zum Beispiel Green Day, die ja nur noch Mist machen, würden diese Songs immer noch gut als Singleauskopplungen dienen.
Insgesamt ist „II“ allerdings ein ganz hervorragendes Album und so ziehen Billy Talent mit ihrem zweiten Album zusammen mit den Arctic Monkeys die alte Kutsche Punkrock/Rock’n’Roll aus dem Sumpf des frühen 21. Jahrhunderts. Hut ab!
Fotos: Dustin Rabin












