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"Doppelgänger" von Sigurd
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"Doppelgänger" von Sigurd

ie schweizer Band Chewy war zwischen 1996 und 2003 eine feste Größe im Indie-Rock, “alte Helden” nennt man sie heute. Als 2003 die Trennung kam, schlossen sich Mathieu Urfer (Gesang und Gitarre) und Drummer Sébastien Altevogt zusammen, um etwas Neues zu machen. In der Hand halte ich das Debütalbum von Sigurd und was ich dabei höre ist in der Tat eine ganz neue Erfahrung.

Irgendwo im Progressive-Rock geht es los auf “Doppelgänger”, vielleicht auch Math-Rock. Ich stelle mich schonmal auf ein Album ein, das mit einer entsprechenden Struktur zu Werke geht: Ewig lange Songs, alles instrumental, etc. Aber weit gefehlt - nach den ersten beiden Stücken stößt Urfers Stimme dazu, und es ist eine ziemlich ungewöhnliche Art, wie er mit typisch-malkmusscher Intonationsignoranz, gepaart mit pathetischer Ausdrucksstärke (“Sonar Sonar”) auftritt. Hier zieht es ihn ins Jaulen, mehrstimmig, während Gitarre und Schlagzeug unbeirrt ihre Kreise ziehen. Und: Die Tracks dauern zwischen 2:10 und 5:09 Minuten. Oh man...
Die Riffs dominieren den “Doppelgänger”, es groovt gewaltig. “Velociraptor” kämpft und reißt sein Opfer in grandioser Brutalität - und geht locker über in “Kinder Menuet”. Dabei stößt der Hörer immer wieder auf komplexe Verfeinerungen im Schlagzeug-Beat in einer sehr satten Produktion. Sigurd verwenden immer wieder ungewöhnliche Tonleitern, besonders auffällig im wahnwitzig-genialen “Twin Sisters”, das zudem mit einem ziemlich surreal-anmutendem Text aufwartet. Trotzdem verlieren Sigurd nie den Indie-Rock aus dem Auge: Plötzlich ist da ein eingängiger Teil, sehr gut verdaulich und scheinbar frei von allen Spirenzchen - und dann zocken zwei Gitarren rückwärts um die Wette.

Ich bin mir also ziemlich sicher, dass die Herren Urfer und Altevogt irgendwie den Bezug zur Realität verloren zu haben scheinen. Die zwei Gespensterchen auf dem Cover verdeutlichen meinen Eindruck: Ist denn das überhaupt noch real?
So geht es auch weiter, mein Lieblingssong der Platte, “Nawa Shibari” naht - ein kleines Meisterwerk. Hier kulminiert die Genialität aus verfrickeltem Prog-Rock und eingängigem Indie-Rock zu einem Treffen der Doppelgänger. Da sind sie sich ganz nah, bevor sie sich ein wenig um sich selbst drehen: Die instrumentalen “Vitrail” und “Antilibido” gehen schon wieder fast nahtlos ineinander über und geben dem Album nun endgültig einen exotischeren Touch: Meine Güte, die lassen ein knarzendes Saxophon-Terzett von rauschenden Streichern ablösen, bevor ein tiefer, radioheadesker Chor auf knallendem Schlagzeug in die Szenerie stürmt... Das die genannten Instrumente bis auf das Schlagzeug und der Chor hier künstlicher Natur sind muss wohl nicht mehr erwähnt werden.

Zum Schluss gibt es noch einmal ein ähnliches Kaliber wie “Nawa Shibari”: “No Sex, No Drugs, No Rock’n’Roll” singt man mir lachend und irgendwie ziemlich frech ins Gesicht. Hier macht sich wieder der Indie-Teufel bemerkbar, der die beiden wohl immer noch fest im Griff hat. Altevogts Glockenspiel hat einfach null Glam, gar nichts Sphärisches, sitzt da einfach fett und breit im Song und sagt: Jaja, ich bin hier schon richtig. Anders ergeht es Urfers Hammond-Bass, exemplarisch im letzten Track, “Capsules”, der wieder instrumental abläuft: Seine Gitarrenriffs unterlegt er mit einem pulsierenden Orgelton, der kräftig reibt und so wunderbar zur verzerrten Gitarre passt. Das Soundspektrum gewinnt so unheimlich an Umfang.
“Doppelgänger” ist also ein Album, das sich sowohl für Sound-Experimentatoren lohnt als auch für Freunde des gepflegten Indie-Rocks. Andersrum werden Pop-Nerds von der ausufernden Wahnwitzigkeit schnell genug haben, während Math-Rock-Fetischisten über mangelnde Präzision und zu viel Eingängigkeit stöhnen können. Ich glaube, dass Sigurd hier eine geniale Synthese hingelegt haben, aus der man sicher einige Ideen ziehen kann. Es ist ein tolles Rockalbum, das aber gleichzeitig wirklich ungewöhnlich klingt - so ähnlich, wie wenn eine Freak-Show in der Oper aufgeführt würde. Klasse Debüt!

K. Haller
titel
01 Planète Noire | 02 Delaunay | 03 Sonar Sonar | 04 Velociraptor | 05 Kinder Menuet | 06 Twin Sisters | 07 Nawa Shibari | 08 Vitrail | 09 Antilibido | 10 No Sex, No Drugs, No Rock'n'Roll | 11 Capsules
Release: 25.08.06 bei Gentlemen
|http://www.gentlemen.ch/|
Künstler-Homepage: http://www.sigurd.ch
cover
Bewertung:
4/5