eutschlands stiller Star ist längst dort, wo Schweini und Poldi erst in Jahren ankommen. Dabei ist Weltklasseverteidiger zu sein schon ein ziemlich harter Job. Ist man es, wird es nicht lange dauern, bis man in einer Mannschaft spielt, in der sich auch geniale Offensivspieler befinden. Und niemand redet wirklich gerne über Spieler, die nahezu hundert Prozent ihrer Zweikämpfe gewinnen und ohne gelbe Karte durchs Spiel kommen.
Viel lieber ist es den Fans, Flanken und Pässe von Diego Ribas da Cunha zu bewundern. Das DSF zeigt sie ja auch 100mal am Tag. Bei Werder Bremens 8:1 Sieg gegen Bielefeld am vergangenen Spieltag sah man solche Aktionen auch wieder en masse. Eine davon fand zielgenau den Kopf von Per Mertesacker und von dort den Weg ins Tor. Nur das 5:1 für Bremen. Verwunderlich also, warum der Innenverteidiger das Tor mit einer für ihn übermäßigen Theatralik feierte. Sich wild auf die Brust schlagend rannte er über den Platz. Da er zu dem Zeitpunkt auch noch die Spielführerbinde trug, könnte man aus den Gesten eine recht klare Aussage heraus lesen: „Seht her, ich bin hier der Chef!“ Dem immer so besonnenen Mertesacker traut man diese Aussage aber einfach nicht zu.
Komisch, dass dem Nationalspieler dafür das nötige Selbstvertrauen abgesprochen wird. Selbst in der Nationalmannschaft sehen ihn die Menschen immer nur im Schatten des Fußballphilosophen Christoph Metzelder. Dabei ist Mertesacker sowohl bei Bremen, als auch beim DFB längst in die Chefetage aufgestiegen. In der Öffentlichkeit sind sich wohl eher Wenige dieser Tatsache bewusst, er selbst ist sich aber sicher. Bis Samstag ließ er es einfach nicht groß raushängen. So langsam war die Zeit auch reif. Kaum ein deutscher Spieler hat mehr Recht auf solche Aussagen. Von den Helden des Sommermärchens ist er der einzige, der nach der WM seine guten Leistungen gehalten, sich damit ein solches Anrecht verdient hat. Und es steht zu befürchten, dass er es ab kommendem Sommer noch mehr haben wird. Wenn in Österreich und der Schweiz Europas beste Nationalteams ihren Meister ausspielen, hängt für Deutschland viel von der Innenverteidigung ab. Nur eines traut man Mertesacker dort weniger zu, als die Beanspruchung einer Führungsposition: Bei der Europameisterschaft eine enttäuschende Leistung zu bringen. Der Mann ist einfach zuverlässig.
Woher diese Zuverlässigkeit kommt, fragt man sich manchmal vergeblich. Die üblichen Eigenschaften erfolgreicher Innenverteidiger findet man bei ihm nicht. Wo ist John Terrys Aggressivität im Zweikampf? Wo Fabio Cannavaros flinke Bewegungen? Wo Lucios überragende Schnelligkeit? Wo Puyols Bereitschaft dem Ball auch noch nachzulaufen, wenn er schon fast über die eigene Torlinie gerollt ist? Mertesacker hat all das scheinbar nicht. Wobei scheinbar nicht heißt, dass er es nicht zeigen muss. Aggressivität im Zweikampf braucht man nur, wenn man zu spät am Mann ist. Flinke Beine, wenn man dem Gegner den Ball nicht rechtzeitig abnimmt. Schnelligkeit, wenn der Stürmer eh schon weggelaufen ist. Und dem Ball rennt auch nur hinterher, wer nicht schon vorher weiß, wo er mal landen wird. Egal wo ihn die Mitspieler auf dem Platz brauchen, Per Mertesacker ist einfach vorher da. Meistens hat er den Ball dann auch schon ohne größere körperliche Anstrengung sicher am Fuß. Eigentlich ist es eine Beleidigung für die Position des Verteidigers, dass seine Hosen in der Regel auch nach dem Spiel noch weiß sind.
Es ist also damit zu rechnen, dass der Bremer auch bei der Euro 2008 auf sich aufmerksam machen wird. Sein kongenialer Nationalmannschaftspartner Metzelder spielt aber nun mal schon bei einem Weltverein. Womit den Berlusconis und Abramowitschs dieser Welt auf der Einkaufstour nur noch ein überragender Innenverteidiger aus Deutschland bleibt. Und es ist sicher, dass irgendwann einer von Europas Großen das Projekt Mertesacker in Angriff nehmen wird. Wenn nicht 2008, dann halt erst 2010. Je länger es dauert, um so mehr wird Fabio Cannavaro um den Titel des bisher teuersten Innenverteidigers bangen. Noch teurer wird es, sollte das DFB-Team bei irgendeinem der kommenden Turniere einen Titel gewinnen.
Per Mertesacker wird es vorerst trotzdem mit Wohlwollen betrachten, dass man in Deutschland von Ballacks Suspendierung, Schweinsteigers Sinnkrise und Podolskis Reservistenrolle redet. Bisher hat er immer den richtigen Zeitpunkt für den nächsten Schritt getroffen. Für den Wechsel zu einem besseren Verein als Werder Bremen wird er sicher auch den richtigen Moment abpassen. Dann wird man wohl reden müssen über einen der besten und teuersten Innenverteidiger der Welt. Nur kurz! Schlagzeilen über einen Abwehrspieler, der alles richtig macht, lohnen sich einfach nicht.







